Form of interest_Beitrag
Aktuell, Kolumnen

Mode ist Identität und Kommunikation ohne Worte – dafür steht das Label Form of interest.

Christina Winkler

Schreibt und lebt ganz nach dem Motto: es gibt nix, des net gibt.
Christina Winkler

Als ich neulich abends den einjährigen Geburtstag des Cucurucu mitfeierte, sah ich einen Sticker auf einem der Tische liegen, darauf ein sehr einprägsamer Spruch: We are the daughters of the witches you did not burn. Darunter stand in fett: Form of interest. Obwohl ich den Aufkleber noch nicht einmal ergattert habe, brannte sich der Wortlaut in mein Gedächtnis und ich begab mich auf die Suche nach dessen Ursprung. Zugegeben: schwer fiel die mir nicht, denn ziemlich schnell machte ich Jessica ausfindig, der das Modelabel „Form of interest.“ gehört. Und weil ich glaube, dass nicht nur der Spruch Potential hat, um im Kopf zu bleiben, habe ich Jessica ein paar Fragen gestellt.

Wer steckt hinter dem Modelabel und wie kommst du auf die Idee, deine Meinung und Statements durch Kleidung auszudrücken?

Jessica DettingerIch bin Jessica, 34 Jahre jung, Modedesignerin mit einem eigenen Label „Form of interest.“, nebenbei bin ich noch Senior Designerin für Color & Trim bei BMW und Dozentin an der IFOG Akademie.

Ansonsten bin ich wohl eine oft euphorische, wilde Person mit einem kindlichen Herzen, das gerne in die Welt hinausschreit und sich aber auch mal zurückzieht. Das Kreative ist das, womit ich mich ausdrücken kann, wodurch ich kommuniziere. Es geht mir um eine gewisse Selbstwirksamkeit – als Teil einer Welt, zu der jeder beitragen kann. Manchmal denke ich, vielleicht wäre es ja besser, Bienen zu züchten. Aber das philosophische Arbeiten als konzeptuelle Designerin ist meine Leidenschaft.

Die Idee mich so auszudrücken, habe ich mir im Modestudium erarbeitet. Meiner Ansicht nach braucht Design immer eine konzeptuelle Untermauerung, weil es sonst hinfällig wird. Etwas, das nur schön ist, hat für mich absolut keine Relevanz. Design muss Inhalt haben, Fragen und Antworten transportieren.Was will man durch Kleidung kommunizieren? Welche Normen werden dadurch bedient und wie kann man bereits festgefahrene Strukturen aufbrechen? Darum geht’s doch. Mich interessieren dabei besonders die Regeln, die sich die Menschen seltsamerweise selbst auferlegen. Es hat bestimmt mit meiner eigenen Erfahrung zu tun, aber Mode hat für mich nur Sinn, wenn sie Spiegel dessen ist, was gerade in der Gesellschaft passiert.

Form of interest_europa

Du siehst Mode als Medium, um Gesellschaftsfragen zu diskutieren: Welche Gesellschaftsfragen sind das für dich aktuell und hast du Entwürfe, die diese momentan widerspiegeln?

Ja, Mode gilt in der Modetheorie und -forschung als Medium, das gesellschaftliche Strömungen widerspiegelt. Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick ist für die Theorie bekannt, dass man nicht nicht kommunizieren kann – demnach ist Kleidung für mich wie eine Art zweite Haut, der erste visuelle Spiegel einer nonverbalen Kommunikation. Mode ist Identität, als erste Kommunikationsschnittstelle ohne Worte und nur durch den Menschen wird Kleidung für mich zu Mode.

Meine aktuelle Kollektion heißt „You are in my veins transculturalchild“ – was so viel bedeutet wie: Hey, transkulturelles Kind, dein Blut fließt in meinen Venen. Die Aussage der Kollektion ist es, dass es keine Grenzen gibt, da wir durch die Völkerwanderungen über die Grenzen hinaus verbunden sind. Es soll ein Pro für Europa sein – ein Ja für unterschiedliche Kulturen.

„We are the daughters of the witches you did not burn“ –  Wie kam dir die Idee zu diesem Spruch? Und wie würdest du diese „Witch“ beschreiben?

Form of InterestMit dem Label will ich für Andersartigkeit, für menschliche Werte und das Fremde einstehen. Die „Witch“ steht für mich auf keinen Fall nur für das Weibliche, sondern für etwas Emphatisches, das zwischen den Zeilen das Sonderbare sucht und dafür empfänglich ist. Im Moment ist der Feminismus ein Megatrend. Ich möchte betonen, dass dieser Spruch nicht aus dieser Sache heraus entstanden ist. Es gab Zeiten in meinem Leben und auch heute noch, in denen ich das Gefühl hatte, irgendwie anders zu sein oder nicht dazu zu gehören. Vermutlich wäre ich früher als Hexe verbrannt worden.

Vor 20 Jahren war es in der Subkultur kein Megatrend, „Rebell“ oder anders zu sein. Ich bin auch etwas genervt von dem Trend des Rebellentums und habe eine sehr kritische Meinung gegenüber dem Mainstream-Feminismus, der heutzutage eher als Marke verkauft wird. Feminismus darf zu keiner Marke werden, da er aus einer rebellischen Form der Subkultur entspringt, und geht das so weiter, fällt er dem Kommerz zum Opfer.

Gesehen habe ich den Spruch auf einem Plakat einer Demonstrantin, die sich für das Frauenwahlrecht in England einsetzte.

Dein Label steht für Sustainable Fashion – Was beutetet dir das?

Nachhaltige Kleidung sollte kein Alleinstellungsmerkmal eines Fashionlabels sein, sondern ist für mich mittlerweile eine normale, unabdingbare Gegebenheit. Es sollte der Anspruch jeden Designers sein, unter Slow Fashion-Aspekten zu produzieren. Die Welt ist überflutet von billiger, schlecht hergestellter Kleidung, die oft verbrannt wird, weil sie nicht verkauft wird. Im Moment beziehe ich meine Stoffe aus Italien und erstelle davon nur eine sehr geringe Stückzahl, der jährlich erscheinenden Unisex-Kollektionen – teilweise sind das auch nur Unikate.

Deine Mode kann man online kaufen und hier in München im Bean-Store – apropos München: wo hälst du dich in deiner Wahlheimat gerne auf und was macht die Stadt für dich aus?

Ich liebe die Berge und Seen – ganz besonders den Walchensee. Man findet mich zudem oft im Gym Mariposa beim Boxtraining, im Kino oder an der Isar.

Da München wie ein kleines Dorf – als Großstadt getarnt – ist, kann man sich hier sehr gut vernetzen – so lange man offen und aufgeschlossen ist. Aus diesem Grund wird Support hier groß geschrieben. Das ist München!

Ich bin nicht der Typ Mensch, der Dinge tut, um anderen zu gefallen. Dennoch kann ich sagen, dass mein Label und meine kreative Arbeit, gerade durch meine authentische direkte Art, einen großen Zuspruch findet in der Stadt und darüber hinaus.

 

„Was ich sage und mache hat immer einen Ursprung direkt aus meinem Herzen. Ob ich damit erfolgreich werde, war und ist mir nicht wichtig – oder eher eine Begleiterscheinung einer optimistischen Sicht auf die Welt.“

…das glauben wir dir gerne – Danke Jessica!

Mehr über das Label Form of interest. findest du hier.


© Fashion Fotos: Sophie Wanniger; Portrait Foto Jessica: Danielle Grosch


Dieser Artikel erscheint im Moodbook: Eine Beitragsreihe, die sich mit Münchens Modemachern, Modeliebhabern, den Trends auf den Straßen dieser Stadt und in unserer Redaktion beschäftigt. Denn Mode kann so viel mehr als schön, extravagant oder absurd sein – Mode ist immer auch ein Stimmungsbild und dieses wird hier regelmäßig abgebildet.

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