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Ein Ort zum Untertauchen – Die Counterweight-Jungs im Interview

20 Uhr, Baader Café. Wir bestellen drei Helle und eine Gemüse-Quiche. Später noch ein paar mehr Helle. Ein Glas geht zu Bruch. Ich habe mich mit Gonzo und Marco, den beiden Jungs von Counterweight, getroffen, um mit ihnen über den bevorstehenden Label-Release zu sprechen. Später plaudern wir noch über die Tristesse der 40-Stunden-Woche (trist), Partys früher und heute (heute sind sie besser, aber ein Herz an die Bullit-Zeiten), die Münchner Polizei (kein Herz dafür) und im Laufe des Abends werden immer mehr und mehr Anekdoten ausgepackt, über die hier selbstverständlich Stillschweigen bewahrt wird.

Wer steckt eigentlich hinter dem Label Counterweight?

Mucbook: Wie habt ihr euch denn eigentlich kennengelernt?
Counterweight: Wir hatten uns bei Tinder gematcht.

Und wie seid ihr auf den Namen gekommen?
Der Name sollte eine gewisse Verbindung zum Vinyl haben und wir haben uns ein wenig als Counterweight, also als „Gegengewicht“, zu den weniger harten Genres gesehen, die damals in München auch in den Techno Clubs sehr verbreitet waren. Den richtig harten Techno gab es damals nicht in der Stadt.

Gonzo, du bist vor acht Jahren aus Spanien nach München gekommen. Seit 2016 veranstaltet ihr Partys. Was hat sich inzwischen geändert?
Gonzo: Wie gesagt, damals war alles noch sehr soft. In München haben AKA AKA, Kollektiv Turmstraße oder Super Flu gespielt. Den härteren Techno, den ich aus anderen Städten kannte, gab es hier nicht.
Marco: Vor unserer Partyreihe in der Roten Sonne, hatten wir mit Freunden zwei Jahre lang Partys in irgendwelchen Off-Locations veranstaltet, denn Clubs wie das Harry Klein zum Beispiel wollten uns nicht. Das war damals zu hart für München. Wir haben trotzdem weiter gemacht.

Und das mittlerweile mit Erfolg! Eure monatlichen Counterweight-Partys in der Roten Sonne sind immer gut besucht. Wie kommt’s?
Schon drei Jahre lang ist es unser Konzept, jedes mal jemanden zu buchen, der davor noch nie in München gespielt hat. Unser Ziel ist es, neue Künstler vorzustellen und auch junge, unbekannte Talente zu pushen..

Und wie findet man diese Leute?
Indem man sich rund um die Uhr mit Techno beschäftigt. Und das tun wir! Als DJs suchen wir so wie ständig neue Platten und entdecken dadurch interessante Künstler. Wir gehen auf Festivals oder in andere Städte um uns neue DJs anzuhören und hören natürlich auch viele Sets im Internet.

Zum Beispiel?
Opal, zum Beispiel. Der hat kommende Woche seinen ersten Release unter unserem Label. Das feiern wir natürlich in der Roten Sonne, zusammen mit Under Black Helmet. Das ist eine Ausnahme, weil beide schon einmal in München gespielt haben. Aber die sind ja auch beide bei uns im Label.

Wie läuft das so ab, dieses Partys veranstalten? Aus einem Gespräch mit Julia [Bomsdorf, WUT] weiß ich, dass das ganz schön kompliziert sein kann. Vor allem, wenn man überhaupt keine Ahnung hat, wie man anfangen soll.
Das stimmt. Am Anfang hat man überhaupt keine Ahnung. Unsere erste Party fand am 02. Januar 2016 in der Roten Sonne statt. Die Booker wollten den Laden gar nicht erst aufmachen. Da kommt doch keiner, meinten sie, so direkt nach Silvester. Wir haben damals Dax J gebucht – und natürlich zu viel Geld bezahlt, weil wir überhaupt nicht wussten, was für Gagen üblich sind. Man muss mit den Agenten der DJs gut verhandeln. Das wussten wir nicht und haben direkt den ersten Preis gezahlt. Aber es hatte sich zum Glück trotzdem gelohnt, der Laden war total voll! Mittlerweile hat sich auch eine feste Crowd etabliert; Gesichter, die man fast jedes mal sieht. Das bedeutet, wir können auch mehr Risiko eingehen.

Was meint ihr mit Risiko?
Wir haben seit Anfang dieses Jahres zwei Bookings pro Abend, dazu spielen wir beide abwechselnd das Opening und das Closing. Für die zwei Bookings muss man natürlich erstmal mehr Geld vorstrecken. Wenn du nur ein Booking hast und die Party um sechs Uhr vorbei ist, dann ist das für uns keine Party.

Was macht denn für euch eine gute Party aus?
Eine Party ist dann gut, wenn wir auch Bock haben, selber hinzugehen!

Und was kann dabei alles schief gehen? Welche Probleme gibt es?
Gonzo: Marco zu ertragen (lacht).
Viel ging bei uns zum Glück noch nicht schief, aber es ist alles sehr stressig. Wir arbeiten beide Freitags bis Spätnachmittags und danach geht es meistens direkt los die Künstler zu treffen. Die Tage davor sind wir jeden Abend mit der Organisation beschäftigt. Wer holt die DJs wann vom Flughafen ab? Wann und wo ist das Abendessen und ist noch genug Zeit für den Soundcheck bevor es um 23 Uhr los geht. Für Live-Acts muss oft noch Equipment irgendwo ausgeliehen und in die Sonne gebracht werden.

Und während der Party, was macht ihr da? Fleißig mitfeiern?
Wir kommen eigentlich nicht so viel zum Tanzen. Man trifft so viele Leute, die man kennt. Eigentlich wären wir am liebsten nicht auf der Party, bis wir selbst spielen.

Wieso das denn? Ich dachte eine Party ist nur dann gut, wenn ihr auch selber Bock darauf hättet?
Das ist ja das Problem: Wir hätten total Bock! Alle sind ausgelassen und gut drauf, es herrscht Partystimmung – aber wir haben noch so viele Sachen im Kopf und wollen, dass für die Künstler alles so reibungslos wie möglich abläuft. Nach der Party geht für uns die Party erst richtig los. Es ist schon öfters passiert, dass die Künstler nach ihrem Auftritt noch auf der Party geblieben sind und sich unter die Gäste gemischt haben. Einer hat sogar schon einmal extra seinen Flug gecancelt, um auf der Party bleiben zu können! Das freut uns natürlich und wenn wir sehen, das die Künstler Spaß haben, fällt langsam auch ein bisschen die Anspannung von uns ab. Dann sind wir nicht mehr in der Verantwortung.

Was sind eure Pläne für die Zukunft? Was steht demnächst an?
Mehr Stunden reduzieren um noch mehr Zeit für Counterweight zu haben (lachen). Wir machen sehr viel selbst. Die Poster, hören uns Demos an, die Vinyls machen sich auch nicht von selbst. Das ist sehr zeitaufwändig. Dafür hätten wir gerne mehr Zeit. Ansonsten wollen wir natürlich das Label voranbringen und unsere Künstler supporten. Im Januar feiern wir 3-Jähriges und für das Label haben wir schon die nächsten Releases auf dem Weg, zum Beispiel eins von Gonzo MDF und eins von RVDE, was bis gerade eben noch geheim war (zwinkern)

Und seht ihr eure Zukunft in München? Oder zieht es euch nicht auch irgendwie nach Berlin?
Natürlich haben wir schon überlegt nach Berlin zu ziehen, wer nicht? Aber Berlin hat natürlich auch seine Versuchungen, denen es zu widerstehen gilt. Da ist man dann nur noch am Feiern. Darunter leidet dann der Arbeitsalltag. Wir gehen gerne am Wochenende feiern, richtig richtig richtig feiern, aber unter der Woche dann auch eben richtig arbeiten. Deshalb ist es gut, dass die Counterweight-Partys immer Freitags sind (lachen), dann ist man Montags wieder fit.

Und wie ihr ja auch selbst sagt: Im Münchner Nachtleben hat sich viel geändert die letzten Jahre. Mittlerweile kannst du hier echt gut feiern gehen. Zumindest was Techno angeht, kannst du dich echt fast nicht beschweren.
Das stimmt, es gibt viel mehr Freiheiten als früher. Wenn du in der Roten Sonne früher dein T-Shirt ausgezogen hast, kam sofort ein Türsteher. Heute haben wir zum Beispiel die Herrensauna. Wir wurden vor ein paar Jahren auch mal an die Tür gerufen, weil ein Türsteher ein Mädchen mit Jogginghose nicht reinlassen wollte. Die Leute auf unseren Partys sind alle sehr open-minded, darauf sind wir schon stolz.  

Im Gegensatz zum Rest von München? 
Natürlich gibt es diesen klischeehaften Rest von München, die BWL-Studenten im Polohemd, die Geschäftsmänner und -frauen im fetten SUV. Aber dieses Klischee hat nichts mit unserer eigenen Welt zutun. Jeder hat seine eigenen Kreise, seine Leute. Die Rote Sonne ist da eigentlich eine gute Metapher. Ein Mikrokosmos. Man ist ganz versunken in seiner eigenen Welt und dann geht man raus und befindet sich mitten in dieser anderen Welt. Mitten auf dem Lenbachplatz. Nein, noch besser: Direkt vor der 089 Bar. Da kollidieren zwei Welten. Aber solange man wieder abtauchen kann, zurück in seine eigene Welt, stört einen das herum nicht. Und diese Welt wollen wir den Leuten bieten.

Danke ihr beiden!

 


Beitragsbild: Counterweight

Giulia Gangl

"Überladung mit überflüssigen Fremdwörtern,
ausgiebige Verwendung von Modewörtern.
Die grauenhafte Unsitte, sich mit Klammern (als könnte mans vor Einfällen gar nicht aushalten) und Gedankenstrichen dauernd selber - bevor es ein anderer tut - zu unterbrechen, und so (beiläufig) andere Leute zu kopieren und dem Leser - mag er sich doch daran gewöhnen! - die größte Qual zu breiten.
Aufplustern der einfachsten Gedanken zu einer wunderkindhaften und verquollenen Form."
(Kurt Tucholsky)

Ups.
Giulia Gangl
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