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„Schließlich geht alle Kunst um Leben.“ – Michael Buthe im Haus der Kunst

Exzentriker, Fetischist, Selbstdarsteller, Menschenfreund – Dr. Ulrich Wilmes, Kurator der Ausstellung „Michael Buthe“, findet bei der Pressekonferenz am 07. Juli 2016 viele Bezeichnungen für den vielseitigen Künstler (1944-1994). Die Ausstellung im Haus der Kunst gibt einen Gesamtüberblick über dessen Schaffen: Zeichnungen, Gemälde, großformatige Stoffbilder, Assemblagen und Installationen. Die Farben- und Materialvielfalt seiner Werke beeindruckt, scheinbar mit spielerischer Leichtigkeit stellt Buthe orientalische Formen und westliche Attribute nebeneinander. Ein Wanderer zwischen den Welten?


Die Ausstellung erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit.

8_Michael-Buthe__Landschaft_1985Die Ausstellung verteilt sich über mehrere weitläufige Räume, von denen jeder eine andere Schaffensphase Buthes abzudecken scheint. Empfangen den Betrachter im ersten Raum Stoffcollagen und zerrissene Leinwände nach der Tradition der autodestruktiven Darstellung der Sechziger Jahre, so findet er sich im Zweiten inmitten und beinahe als Teil der Installation Taufkapelle mit Mama und Papa wieder. Darauf folgen zwei mit Collagen, Bildern und kleineren Installationen angefüllte Räume, von denen einer auch das Projekt Die heilige Nacht der Jungfräulichkeit, das Buthe eigens für die documenta IX entwickelt hatte, einschließt.

Die meiste Zeit seines Lebens pendelte Buthe zwischen Marokko, wo er eine Wohnung in Marrakesch besaß, und seiner Wahlheimat Köln hin und her. Sein besonderes Interesse für den Orient, seine kulturellen Eigenheiten und die Menschen dort spiegelt sich in all seinen Werken wieder. Le dernier secret de Fatima (Fatimas letztes Geheimnis) von 1986 stellt eine leuchtend rote und eine leuchtend blaue Leinwand gegenüber, beide durchzogen von goldenen Sternen – zwei Firmamente, die eine Geschichte versprechen. Hier zeigt sich Buthe als Märchenerzähler und Mystiker, und seine zahlreichen, mit Collagen angefüllten Tagebücher wirken, als hätten sie jedes für sich ein ganzes Leben zu bergen. Das Prozesshafte seiner Arbeiten ist dabei nicht zu übersehen: Buthe scheint gerade erst den Pinsel niedergelegt und das Stück dann zur Ausstellung freigegeben zu haben.

 

Zurückgehalten, aber nie vergessen

Schon zu Lebzeiten war Buthe eine Legende, um den sich Sammler und Kuratoren rissen. „Alle wollten Buthe“, beschreibt die Sammlerin Ingvild Goetz, die eine langjährige Freundschaft mit dem Künstler verbindet. Nach seinem frühen Tod war es jedoch ruhig um Michael Buthe geworden. Dabei brennen seine Werke vor Aktualität: Implikationen des Katholizismus und des Islams treffen aufeinander, Federkränze und bemaltes Holz, das an Indianer erinnert, trennt nur ein Durchgang von den kühlen, kupfernen Ritzzeichnungen der Heilgen Nacht der Jungfräulichkeit (1992). 

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Dadurch wird die Diversität der Kulturen einfach hingenommen, beinahe übergangen: in Buthes Kunst können Katholizismus, Spiritismus und Islam ohne Konflikte nebeneinander stehen, (Taufkapelle mit Mama und Papa, 1984). Die Offenheit und Neugier, die seine zahlreichen Collagen und Installationen zum Thema Fenster und Türen ausstrahlen, wecken diese Gefühle auch im Betrachter. Vor allem für ihre heutige Präsentation ist die Haltung des Künstlers entscheidend. Wer war dieser Buthe, der sich nie nur für Orte interessierte, sondern vor allem immer für die dort lebenden Menschen? Selbst Ingvild Goetz fällt es schwer, diese Frage zu beantworten: „Michael war ein sehr intensiver Mensch. Es war ihm wichtig, in die Menschen einzutauchen.“ Auch die Sammlung Goetz zeigt derzeit eine Ausstellung über den Künstler, aufgrund des engen Verhältnisses der Sammlerin zu ihm jedoch mit einem sehr viel persönlicheren Zugang. Durch diese Zweiteilung ergibt sich jedoch Möglichkeit, Michael Buthe in allen Zügen kennen zu lernen: als gefeierter Künstler, der insgesamt viermal an der documenta teilgenommen hat und als Privatperson, die jedoch immer eine Selbstdarstellung mit einschloss.


Wir können nicht das machen, was Michael Buthe gemacht hat.

Wie inszeniert man einen solchen Künstler, der sich zeitlebens selbst inszenierte, Michel de la Sainte Beauté, und sich auch bei seinen Ausstellungen von niemandem reinreden ließ? Das Haus der Kunst bringt eine gewisse Chronologie in Buthes Werk, die jedoch häufig thematisch durchbrochen und damit unterlaufen wird. Auf reduzierte und destruktive Darstellungsformen folgen imposante Installationen. Das alles fasziniert – und überfordert zugleich, manchmal wäre ein wenig mehr Raum für jedes einzelne Stück wünschenswert gewesen.

Buthe wird sowohl von den Kuratoren des Hauses der Kunst als auch der Sammlung Goetz als Einzelgänger, als Künstler, der in keine Schublade passt und sich nicht von den Tendenzen seiner Zeit beeinflussen ließ, beschrieben. Und tatsächlich scheinen seine Werke ihrer Zeit voraus zu sein und sich höchst gegenwärtiger Mittel zu bedienen.

Die geballte Intensivität seiner Kunst ist vom 08.07. – 20.11.16 im Haus der Kunst und in Ausschnitten vom 09.07. – 03.12.16 in der Sammlung Goetz zu erleben.

Einige Impressionen aus der Sammlung Goetz gibt es hier.


In aller Kürze:

Was? „Michael Buthe“ und „Michael Buthe und Ingvild Goetz – eine Freundschaft“

Wo? Haus der Kunst und Sammlung Goetz

Wann? 08.07.-20.11.16 / 09.07.-03.12.16

Eintritt? 12 EUR, erm. 10 EUR


Fotos: Haus der Kunst

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