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“Wir müssen uns der Gefahr bewusst sein.” Pandemie und Gleichstellung in der Wissenschaft

Irgendwo zwischen Öffnungsstrategien und dritter Welle, befinden wir uns jetzt schon seit über einem Jahr im Ausnahmezustand. Die Soziologin Jutta Allmendinger warnt schon seit einiger Zeit, dass die Krise Frauen um 30 Jahre zurückwerfen könnte. Über die Folgen der Pandemie für Frauen in der Wissenschaft und den Kampf um Gleichstellung habe ich mich mit der Frauenbeauftragten der LMU Dr. Margit Weber und ihrer Stellvertreterin Prof. Dr. Julia Budka, sowie der Lehrstuhlinhaberin für Soziologie/Gender-Studies Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky unterhalten.

Wieso sind Frauen besonders von der Krise betroffen Frau Budka?

Julia Budka: „Es gibt leider auch in der Krise einen Gender-Bias. In der Wissenschaft, auch bei den Studierenden waren die Frauen diejenigen, die viel mehr leisten mussten, weil in Deutschland noch immer die Kinderbetreuung und die ganze Hausarbeit nicht fair verteilt ist. Die meisten Notfälle waren schon verbunden mit Kindern und dieser Notlage aufgrund der Schließung von Kitas und Schulen.“

„Gleichzeitig gibt es noch immer Leute, die sich heute hinstellen und sagen: ‚Nö, wir brauchen keine Gleichstellungsfragen, Fördermaßnahmen, denn es ist doch eh alles schon super und wir armen Männer werden teilweise benachteiligt.‘ Es gibt so viele Daten, so viele Dokumente, die aufzeigen, dass der Gender-Bias existiert.”

So ist es auch kein Zufall, dass in Deutschland keine Universität nach einer Frau benannt ist. Unseren Beitrag dazu findest du hier.

“Nur das Riesenproblem ist nun mal es ist ein Bias, er ist unbewusst. Solange wir das nicht angehen, gesellschaftlich, politisch, hochschulpolitisch in der Wissenschaft, wird sich wenig ändern. Wir denken nach wie vor in diesen unbewussten Rollenstereotypen. Sobald es um Kinder geht schlägt das gnadenlos zu. Da sind wir im Vergleich zu skandinavischen Ländern noch weit hinter her.“

Inwieweit sind uns skandinavische Länder hier einen Schritt voraus?

„Dort gibt es teilweise unglaublich viele Teilzeitmodelle für alle. So wird diese Flexibilität und diese Offenheit in alle Richtungen auf einmal völlig normal. Das quasi jemand wieder voll arbeitet, wenn er gerade ein Kind gekriegt hat und gleichzeitig ist es voll normal, dass ein Mann nur noch Teilzeit arbeitet, wenn er Vater geworden ist, oder andersherum.”

So funktioniert ein moderneres Umgehen mit Familienverantwortung, die nun mal alle angeht und sicherlich nicht nur ins Heteronormative beschränkt ist und nicht nur an den Frauen kleben bleiben sollte.“

Frau Weber, wie bewerten Sie die Folgen der Pandemie für Wissenschaftlerinnen?

Margit Weber: „Im Juni 2020 erschien schon die erste Studie von Times Higher Education. Die haben 60.000 Journals untersucht und festgestellt, dass im Vergleich zu den letzten fünf Jahren die Einreichung von Artikeln von Wissenschaftlerinnen, in diesen wenigen Monaten der Pandemie um acht oder neun Prozentpunkte zurückgegangen ist. Auf dem niedrigsten Stand seit fünf oder sechs Jahren. Zurückgeführt auf die vermehrte Kinderbetreuung, die die Frauen zuhause leisten mussten.”

“Das ist wieder ein Beleg für die ungleiche Verteilung der Familienleistungen. Sobald das normale Support System mit Kinderbetreuungseinrichtungen wegfällt, ist das alte Rollenmodell wieder voll in der vorigen Version zurückgekehrt. Es ist nicht so, dass die Paare dann irgendwie einen modernen Ausgleich suchen würden. Das ist erschreckend.“

Die Gendersoziologin Prof. Villa, die ich separat interviewt habe, warnt an dieser Stelle allerdings allzu schnell zu urteilen und zu pauschalisieren.

Paula-Irene Villa: „Das ist nicht so eindeutig, wie manche meiner soziologischen Kolleg*innen in guter Absicht alarmistisch behaupten. Jutta Allmendinger, die da sagt: Es ist schon gleich die Rolle rückwärts um vierzig Jahre. In der Drastik gibt das die Empirie nicht deutlich her.“

„Mir ist dabei eine gewisse Skepsis gegenüber den Daten sehr wichtig“

„Ja, es intensivieren und verstärken sich Ungleichheiten, die vor Corona schon bestanden haben. Dass wir einen großen systematischen sogenannten Care-Gap haben, war das Thema des letzten Gleichstellungsbericht und ja, das hat sich intensiviert. Frauen und insbesondere Mütter, sind in größerem Maße zuständig für die care-bezogenen Folgen von Corona.“

„In Bezug auf die Wissenschaft zeigen empirische Eindrücke aus dem Publikationsgeschehen, dass die Einreichungsquoten, die Publikationstätigkeit von Wissenschaftlerinnen sinkt, insbesondere wenn sie Mütter sind und also Care-Tätigkeiten haben. Sie publizieren etwas weniger, sind weniger aktiv als ihre männlichen Kollegen, die vielleicht auch Väter sind, in derselben Position.“

Mir ist dabei eine gewisse Skepsis gegenüber den Daten sehr wichtig, weil ich auch politisch darauf insistieren möchte, dass wir Wissenschaftlerinnen als Wissenschaftlerinnen weiterhin auch in dieser Krisensituation ernst genommen werden. Es darf nicht sofort die Annahme folgen, das sind Mütter und dann automatisch in der Care-Arbeit und dann automatisch mit den Kindern am Küchentisch und nicht am Schreibtisch.“

„Es sind viel mehr als nur Mütter drin, wenn Frauen, gar Geschlecht draufsteht.“

„Das ist ein performatives Bild. Wenn wir das immer wieder behaupten, auch in guter Absicht, in kritischer Absicht, dann tragen wir dazu bei, dass dieser Stereotyp und dieses Vorurteil immer wieder reproduziert wird. Es sind viel mehr als nur Mütter drin, wenn Frauen, gar Geschlecht draufsteht.“

„Meine anekdotische Evidenz, meine Erfahrungen mit mir selbst und in meinem ganzen Umfeld, mit meinem Team sieht nicht so aus. Wir arbeiten alle weiterhin wie blöd am Schreibtisch, auch wenn wir Kinder haben als Frauen. Wir machen immer noch Vorträge, alles online. Wir sind auf Konferenzen. Wir forschen und publizieren und schreiben Anträge und sind in Gremien.

Angesprochen auf die Mahnung Prof. Villas, unterstreicht Frau Dr. Weber zum Abschluss noch einmal worum es ihr geht – ein Bewusstsein für die Gefahr des Ungleichmachers Corona.

Margit Weber: „Es gibt neben der Time Free Education Studie auch viele andere. Wenn Sie die Meldung der WHO hören, oder die der OECD: weltweit sind Frauen die Verlierer*innen der Pandemie, denn sie sind die in den prekären Jobs. Sie sind Kellnerinnen, sie sind Alleinerziehende, sie sind immer doppelt getroffen. Die Wissenschaft ist dabei nur ein kleiner Ausschnitt. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen.“

„Wir müssen es uns allen bewusst machen.“

Natürlich ist noch nichts verloren, aber wir müssen uns der Gefahr bewusst sein. Ich würde nicht so weit gehen, wie Frau Allmendinger, dass alles jetzt um 40 Jahre zurückgeworfen ist und wir wieder von vorne anfangen. Frau Villa wiederum mahnt vor voreiligen Schlüssen.”

“Es ist eine Gefahr da. Wir dürfen in den künftigen Monaten und Jahren bei der Bewertung und bei der Unterstützung und bei der Besetzung von Positionen und Stellen nicht blind werden und noch mehr in den Gender Bias fallen.

„Darum geht es mir also. Insofern hat Frau Villa recht, hat auch Frau Allmendinger recht. Wir müssen es uns allen bewusst machen, denn die Gefahr ist groß, dass negative Konsequenzen kommen werden für Frauen.


Beitragsbild: © Sarah Kampitsch

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