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“Wir sollten Unis nach Frauen benennen!” – Über Repräsentation in der Wissenschaft

Keine einzige Universität in Deutschland ist nach einer Frau benannt. Das ist problematisch, doch gleichzeitig nur ein Symptom des strukturellen Gegenwinds, gegen den sich Frauen in der Wissenschaft stemmen müssen. Darüber habe ich mich mit Rahel Willmer unterhalten. Rahel studiert Politikwissenschaften am Geschwister Scholl Institut (GSI) und engagiert sich darüber hinaus für Diversity in ihrer Fachschaft.

Für mich als männlichen Studenten ist das Thema der Gleichstellung und die Unterrepräsentation von Frauen im universitären Kosmos ein Thema, das mir nicht unmittelbar im Alltag begegnet. Vielmehr eines, über das ich mich nur im Austausch mit anderen Studierenden und Forschenden informieren kann. Während die Verteilung der Studierenden in meinem Studium nahe der 50:50 liegt, sieht das bei den Dozierenden und gerade im Syllabus ganz anders aus. Hier gibt es so viel zu tun, dass es unfassbar schwierig ist, einen Anfang zu finden.

Dann lieber gar nicht?!

Vielleicht erstmal historisch, denn ein Hauptgrund für das Fehlen von Namensgeberinnen für unsere Universitäten liegt zunächst an ihrem Gründungsdatum. Für Rahel ist das ziemlich offensichtlich. „Die meisten Universitäten sind schlicht schon sehr alt. Die sind zu einer Zeit entstanden, zu der die patriarchale Gesellschaft noch sehr viel stärker ausgeprägt war, als sie es jetzt immer noch ist. Da hatten Männer den Vortritt. Deswegen ist man auch noch gar nicht auf die Idee gekommen, eine Universität nach einer Frau zu benennen, weil das Teil dieser Unterdrückungsgesellschaft war.

Betrachtet man nun aber jüngere Universitäten der letzten 50 Jahre zeichnet sich ein neuer Trend ab: Anstatt weiter Gründer, Geldgeber oder Identitätsstifter zu würdigen, tragen neuere Institutionen eher territoriale oder fachbezogene Namen – so geschehen beispielsweise bei der Technischen Universität München. Das klingt doch zunächst nach einem annehmbaren Kompromiss. Um eine Einseitigkeit zu verhindern, verzichten wir auf einen solchen Personenkult und keiner kriegt ein Stück vom Kuchen.

Verschenktes Potential

Das wäre dann eine Lösung, wenn alle Universitäten neutral benannt werden. Aber wenn ich mir überlege, dass trotzdem immer noch sehr viele Universitäten nach Männern benannt sind, zusätzlich zu diesen neutralen Namensfindungen, dann bleiben faktisch Frauen trotzdem überhaupt nicht repräsentiert. Also ja, das ist eine ‚okaye‘ Möglichkeit, dass man zumindest versucht nicht nur Männer abzubilden, sondern erstmal niemanden, aber ich finde es sehr wichtig, Erfolge von Wissenschaftlerinnen zu würdigen, indem man Universitäten nach ihnen benennt.

Das ist doch eigentlich eine schöne Sache. Deswegen ist das schon verschenktes Potential, weil es ja eine tolle Möglichkeit gewesen wäre. Hey, wir haben jetzt jahrhundertelang alle Universitäten nach Männern benannt, dann können wir jetzt einmal das ganze Potential, das wir haben, nutzen und Universitäten auch nach Frauen benennen.“ Mögliche Kandidatinnen gibt es an der Stelle unzählige.

Die Unsichtbaren sichtbar machen

Natürlich sind Namensgebungsprozesse nichts Einfaches. „Historische Persönlichkeiten sind selten nicht unproblematisch, auch wenn sie zum Teil gute Sachen gemacht haben.“ Doch gerade an der weiblichen Wissenschaftsfront gibt es so viele übersehene und unsichtbare Frauen die Großartiges geleistet haben und doch niemals auch nur annähernd die Anerkennung erfahren durften, wie ihre männlichen Kollegen.

Namen wie Ada Lovelace, Emmy Noether oder Lise Meitner hätten sich einen so alltagspräsenten Platz an den Forschungszentren in unseren Städten mehr als verdient. Schließlich reden wir hier über die erste Computer-Visionärin (und das Mitte des 19. Jhd.), eine Grundsteinlegerin der modernen Algebra und die Mitentdeckerin der Kernfusion (wie gesagt auch viel Streitbares dabei).

Doch welche Rolle spielen Gebäudenamen überhaupt in unserem Alltag?

„Man gewöhnt sich so ein bisschen daran, sie einfach zu ignorieren, aber solche Namen haben einen hohen Stellenwert. Man sieht sie alltäglich und deswegen finde ich es wichtig, dass wir keine Straßen oder Gebäude nach Leuten benennen, die schlimme Verbrechen begangen haben, ob das jetzt im Nationalsozialismus war oder in der Kolonialzeit.

Wenn es jetzt um die Frage von Repräsentation geht, leben wir inzwischen in einer Gesellschaft, die total vielfältig ist. Das ist etwas super Schönes. Das sollten wir eigentlich feiern und zelebrieren. Deswegen sollten die Gebäudenamen, Straßennamen – alles, was wir nach Personen benennen, die Vielfalt unserer Gesellschaft abbilden und nicht so einseitig sein. Natürlich würde das strukturelle Formen von Diskriminierung nicht beheben, aber es wäre ein schönes Zeichen und ein schöner Moment.

Der richtige Zeitpunkt für eine weibliche Offensive

Zudem wäre es ein wichtiges Zeichen, zum richtigen Zeitpunkt. Ende November letzten Jahres veröffentlichte die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) aktuelle Zahlen zum Stand von Gleichstellungprozessen im akademischen Betrieb.  Während 2018 weniger als ein Drittel der Habilitierenden weiblich war, stellten Frauen nur ein Viertel der Professor*innen, mit dem deprimierenden Zusatz, dass dieser Anteil sinkt, je höher dotiert die Professur ist.

Nicht eingerechnet in diese Zahlen sind die fatalen Auswirkungen der Pandemie auf die Karrierechancen von Wissenschaftler*innen. „Es gibt immer noch sehr sehr viele Barrieren, was Karrieremöglichkeiten angeht, auch vor Corona. Das hängt ganz viel mit der Struktur des akademischen Betriebs zusammen. Durch die Pandemie hat sich das nochmal verschlechtert, weil wenn es um Fürsorgeverantwortung geht, fällt diese in vielen Fällen wieder auf Frauen zurückfällt, die somit in ihrer Karriere deutlich zurückstecken müssen.

Wie machen wir den akademischen Betrieb attraktiver?

Auch für mich als Mann wirkt der akademische Betrieb kaum attraktiv, doch eher aufgrund des stressigen Arbeitsalltags voller Veröffentlichungsdruck und des wissenschaftsskeptischen Trends der letzten Jahre. Dabei habe ich durch mein unverschämtes Losglück bei der Geburt nur eine ungefähre Ahnung von den zusätzlichen Hürden die Frauen auf der wissenschaftlichen Karriereleiter überspringen müssen.

Einzig bei der Themenwahl in meinem eigenen Studium spüre ich die Auswirkungen dieser Unterrepräsentation. Da auch ich, wie Rahel, Politikwissenschaften studiere, weiß ich die grandiose Vielfalt zu schätzen, die in der aktuellen Forschung zu ‘Politics and Gender’, oder in den feministischen Theorien diskutiert und veröffentlicht wird. Nur am GSI ist davon nicht annähernd genug zu spüren. Diese Themen bleiben sowie Professorinnen und Dozentinnen unterrepräsentiert.

Wir als Studierende müssen dabei aber nicht tatenlos zuschauen, wir können zumindest meckern und mit dem Finger zeigen, hochschulpolitisch.

„Was man auf jeden Fall machen kann, ist auf einer ganz klassischen Ebene hochschulpolitisch zu kommunizieren, dass uns Studierenden das Thema wichtig ist. Wir wollen genauso viele Professorinnen wie Professoren und das ist eine Priorität für uns Studierende. Die andere Möglichkeit, die uns bleibt, ist immer wieder auch auf strukturelle Probleme hinzuweisen und immer wieder an die Leute appellieren, die an den Hebeln sitzen.

Danke Rahel.


Beitragsbild: © Austrian National Library on Unsplash

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