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Salonfähiger Sexismus – ‚Pick-Up-Artists aufs Maul‘

Anne Lenz

Triggerwarnung! In diesem Text wird übergriffiges Verhalten bis hin zur sexualisierten Gewalt thematisiert. Hier wird im Bezug auf Pick-Up-Artists v.a. die Belästigung von Frauen durch Männer behandelt. Jede Person, unabhängig ihrer Geschlechtsidentität, kann sexuelle Belästigung o.Ä. erfahren und übergriffiges Verhalten ist in jedem Kontext gleichermaßen zu verurteilen.


„Frauenhaus. Bester Aufrissplatz. Irgendeine ist immer da“

(vgl. Bonvalot 2016)

Wie bitte?! Diese Aussage muss entweder ein sehr geschmackloser Witz sein, oder von einem grenzüberschreitenden Misogynist stammen. In diesem Fall ist es Letzteres.

Ein sogenannter “Pick-Up-Artist” äußert sich so über seine “Flirt-Taktiken” und erntet dafür innerhalb seiner Community auch noch Beifall. Als würden sie über ihr liebstes Kuchenrezept diskutieren, tauschen sich die Herrschaften dieser Bewegung über die wirksamsten Strategien und Methoden Frauen aufzureißen aus – da eine Frau ja selbstverständlich nur ein zu eroberndes Sexobjekt ist. Versteht sich.

Altbekannter Sexismus unter neuem Namen

Man könnte ja noch über diese schmierige Art der „Frauenverführung“ schmunzeln, würde sie nicht auf gesellschaftlich tief verankerten patriarchalen Hierarchieverhältnissen basieren und im schlimmsten Fall in sexuellen Übergriffen und Gewalt enden.

Das Phänomen der „Pick-Up-Artists“ (PUAs) ist leider keine Neuheit. Die Anhänger dieser Bewegung propagieren ihr Konzept seit Jahrzehnten in Print-Medien, auf Social Media, auf Seminaren, in Talk-Shows und Reality Shows, eigens zur Sexualisierung der Frau geschaffen. Innerhalb der Szene werden Frauen tatsächlich nach Attraktivitätsgrad in Kategorien eingeteilt und bewertet. Charmant.

Widerstand aus der feministischen Bewegung

Auch in München treiben die PUAs ihr Unwesen: Charly Imsel beispielsweise belästigt in den Fußgänger*innenzonen Münchens Frauen, indem er seinen Schülern zeigt, wie man sich seinem “Zielobjekt” richtig nähert. Darunter versteht er, die angesprochene Person festzuhalten, nicht gehen zu lassen, ihr Küsse aufzuzwingen oder sie in den Hals zu beißen. Wie auch sonst, soll man eine wildfremde Passantin dazu bringen, einem zu verfallen?

Ein „Nein“ ist an der Stelle übrigens unwirksam. Frauen, die sich dem übergriffigen Verhalten der PUAs zur Wehr setzen, seien seiner Aussage nach entweder nur schüchtern, oder möchten selbst nur Interesse wecken. Dass man keine Lust haben könnte, von einem dahergelaufenen Sexisten belästigt zu werden, scheint keine Option zu sein.

Geschmacklose Geldmacherei

Ein anderer „schmieriger Widerling“, um hier die Antisexistische Aktion München (ASAM) zu zitieren, ist Matthias Pöhm, der übergriffiges Verhalten und Sexismus zum Geschäftsmodell gemacht hat. Vor dem Hintergrund des Patriarchats eigentlich kaum überraschend. Für gerade mal 1450€ darf man Herrn Pöhm ein ganzes Wochenende lang zuhören, wie man sich Frauen standesgemäß aufdrängt. Ein guter Deal, oder?

ASAM leistete bereits 2019 Widerstand gegen Pöhm’s Seminare, die den Titel „Männlich wirken – natürlich flirten“ tragen. Diese, wie er sie nennt, „feministische Frontalattacke“ verunsicherte ihn anscheinend dermaßen, dass er sogar in eine Stellungnahme investierte, um sein Business zu verharmlosen und ihn die Opferposition zu stellen. Dass durch sein Geschäftsmodell auch schon Frauen zu Schaden gekommen sein könnten, scheint nicht so wichtig zu sein, wie sein Ego.

Das Belästigungs-Einmaleins

Pick-Up-Artists wenden tatsächlich gezielte Taktiken an, um ihr Gegenüber bewusst zu manipulieren und zu isolieren. Innerhalb der Community spricht man unter anderem von der „Push + Pull-Methode“, „Negging“ und „Freezing“. Allesamt Methoden, um das Interesse der Frau zu wecken und mit ihr sexuelle Handlungen durchzuführen, wenn nötig auch ohne ihr Einverständnis.

Am deutlichsten wird das bei der Taktik „Last Minute Resistance“: Sollte eine Frau sich kurz vorm Sex o.ä. doch noch zieren, oder womöglich sogar „Nein“ sagen, wendet der erfahrene PUA eine Kombination der oben genannten Aufreißtaktiken an. Das Ziel ist, die Frau dazu zu bringen, ihren Widerstand aufzugeben und zum ach so romantischen Penetrationssex zu kommen.
Dein Zielobjekt schläft nur mit dir, weil sie Angst vor Zurückweisung hat oder sich um ihr körperliches Wohlergehen sorgt? Spitze!

Das große Ziel – die Alphamännlichkeit

Was diese übergriffigen Flirt-Taktiken nur noch verstärkt, ist der kompetetive Leistungsvergleich innerhalb der Pick-Up-Artist-Community. Die Verwendung bestimmter Begriffe wie „Targets“ oder „Field Reports“ verharmlosen das Verhalten der PUAs und suggerieren, die Eroberung einer Frau mit allen Mitteln, sei nur ein Strategiespiel. Tatsächlich wird dieser Prozess als „Game“ bezeichnet, mit dem ultimativen Ziel, die sogenannte „Alphamännlichkeit“ zu erreichen. Toxic masculinity at its finest.

Ein Beginner PUA wird zunächst noch als AFC, also als „Average Frustrated Chump“ bezeichnet, der sich durch möglichst viele erfolgreiche Pick-Ups an die Spitze der Hierarchie schlafen kann. Wohlgemerkt ist genau dieses Verhalten ein weit verbreiteter Vorwurf gegenüber Frauen in der Geschäftswelt, lediglich dazu da, um deren Leistung zu schmälern. Wendet ein Mann jedoch diese Taktik an und verbindet dies mit seiner Männlichkeit, gibt es Applaus.

Hat Mann sich dann genug ausgetobt, steigt er zum „Alpha“ auf. Als Alpha verkörpert man dann angeblich sowohl nach innen als auch nach außen Dominanz, Stärke und Intellekt. Ein toller Tausch gegen das Wohlergehen eines anderen Menschens…

Ein ganz schlechter Witz…

Drastisch ist nur, dass dieser kompetetive Charakter der Pick-Up-Branche zu Extrema verleitet und Grenzüberschreitungen geradezu herausfordert. Auf diese Art und Weise Annäherungsversuche von Männern zu erleben, ist nicht nur lästig, sondern kann je nach Ausmaß zu gravierenden physischen und psychischen Folgeschäden führen.

Sexualisierte Handlungen ohne das Einverständnis des Gegenübers vorzunehmen ist eine Form der sexuellen Gewalt und darf auch im Kontext der PUAs keinesfalls verharmlost werden.

‚Pick-Up-Artists‘ auf’s Maul!

Diese Problematik greift ASAM, die Antisexistische Aktion München, in ihrer 40-seitige Broschüre zum Thema „Pick-Up-Artists“ auf. Mit umfangreichen Informationen zum Hintergrund der Bewegung und der kommenden Veranstaltungen der Pick-Up-Szene in München ruft die feministische Gruppierung zum Widerstand auf.

Deutliche Signale der Antisexistischen Aktion München

Der Titel “‘Pick-Up-Artists’ aufs Maul. Ideologie und Strategien selbsternannter ‘Verführungskünstler’“ ist laut ASAM ganz bewusst provokativ gewählt worden, denn „’PUAs’ überschreiten Grenzen, rufen zu sexueller Gewalt gegen Frauen auf und verharmlosen ihre Aktivitäten, indem sie uns glauben machen es handle sich nur um ein harmloses Spiel.”, so Nina Stern, Pressesprecherin der Bewegung. Nach dem Lesen dieser Broschüre, klingt dieser Titel selbst in den Ohren der konsequentesten Pazifist*innen äußerst verlockend.

„Wir wollen, dass diese Leute bekannter werden, denn sie vermitteln ihren Schülern, wie man systematisch Grenzen von Frauen überschreitet, verbreiten sexistische Inhalte und bilden eine ideologische Brücke zu extrem rechtem Denken.”

Nina Stern, Pressesprecherin der Antisexistischen Aktion München

Consent is key!

Nun bleibt wohl nur der Handlungsauftrag, sich PUAs zur Wehr zu setzen, rechtem und sexistischem Denken keine Bühne zu geben und auch im realen Leben einzugreifen. (Sexuelle) Belästigung darf nicht salonfähig sein.


Mehr zu ASAM: Die Antisexistische Aktion München ist ein 2016 gegründetes Kollektiv, das sich schwerpunktmäßig mit den Aktivitäten selbst ernannter „Lebensschützerinnen“ befasst. Die Gruppe organisiert Proteste gegen radikale Abtreibungsgegnerinnen und antifeministische Akteur*innen, recherchiert zur sogenannten „Lebensschutz“-Bewegung“ sowie antifeministischen (Teil-)Bewegungen und veröffentlicht die daraus gewonnenen Erkenntnisse auf ihrem Blog.


Hilfetelefone und Beratungsstellen

Hier kommst du zum Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen

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Beitragsbild und Illustrationen: @ ASAM

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