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Von Berlin zurück ins Kaff der Kindheit: Kathrin Weßling liest aus ihrem Roman „Nix passiert“

Sandra Langmann

Auslandsösterreicherin mit einer Vorliebe für München, Schreiben, Kaffee und Me(eh)r.
Sandra Langmann

Wenn Kathrin Weßling ein Foto macht, dann ist es ihr eher zweitrangig, wie vorteilhaft sie darauf gerade aussieht. Ungeschminkt und müde, verschwitzt vom Sport oder mit Statement-T-Shirt im Bett. Perfekt sein geht anders, Gott sei dank. Ehrlich und echt, das ist ihr wichtig – alles andere ist uninteressant.

Und so gestaltet sich auch ihre Sprache. Die junge Journalistin, Autorin und selbsternannte Hardcore-Socialmedia-Userin spricht aus und schreibt nieder, was sie umtreibt. Damit liegt sie bei ihrer Generation genau richtig. Ihr letzter Roman „Super, und dir“ wurde zum „Roman der Generation“ ernannt . Jetzt geht sie mit ihrem neuen Buch „Nix passiert“ auf Lesereise und kommt am 28.2. ins Heppel & Ettlich nach München.

Wir haben schon vorab mit Kathrin Weßling gesprochen: Sie zum männlichen Part im Roman ausgequetscht, den Pauschalurlaub romantisiert und München in den Himmel gelobt. Ganz echt.

Pauschalurlaub, Insta, Münchner

MUCBOOK: Du hast gerade Urlaub in Ägypten gemacht. Dank Instagram konnten wir das verfolgen. War also schön?
Kathrin Weßling: War wirklich schön. Krasses Land, krasse Leute. War ein Pauschalurlaub. Da kann man sich darüber streiten, wie geil das ist. Aber mir hat das sehr gut gefallen.

Gehörst du also nicht zur Kategorie Flug-Shaming?
Ja doch, eigentlich schon. Aber ich fliege halt nur alle vier Jahre in den Urlaub und ich fliege innerhalb von Deutschland gar nicht. Ich weiß nicht, wie viele tausend Stunden ich schon in Zügen verbracht habe. Ich mache halt wirklich alles im Zug, das ganze Jahr über und fliege alle paar Jahre mal in den Urlaub. Und geschäftlich wirklich nur, wenn es wirklich richtig weit weg ist.

Dann geht’s ja noch mit der CO2-Bilanz…
Ja, mir ist das schon wichtig. Man muss sich auch darüber klar sein, wenn man drei Mal im Jahr in den Urlaub fliegt, dass man dann mit seinem Verhalten die Natur zerstört.

Leute nicken Pauschalurlaub oft lächelnd ab. Ich finde, dass man unendlich dankbar sein sollte für das Privileg, dass man so was sehen darf. Ich bin jedes Mal so aufgeregt, mein Koffer steht schon immer vier Tage vorher so komplett gepackt da.

Dank Insta bekommt man sehr viel mit. Die Aufregung darüber, dass du zwischenzeitlich auch krank warst zum Beispiel. Warum bist du da so offen und lässt die Leute an allem teilhaben?
Oft entsteht der Eindruck, dass ich sehr offen bin. Aber die Sachen, die wirklich krass sind, erzähle ich oft erst Wochen später oder gar nicht. Und es wirkt alles so, als wäre es sehr privat, aber ist es eigentlich nicht. Jeder postet halt Urlaubsfotos, ich dann halt ein paar mehr. Andere Leute sprechen vielleicht nicht darüber, dass sie krank sind, aber ich find’s auch nicht mega privat zu sagen, dass ich eine Erkältung habe.
Ich finde es einfach nur wichtig, ehrlich zu sein. Ich verachte Instagram-Accounts, die einem immer nur das Schöne zeigen. Warum soll ich dem folgen? Da kann ich mir auch einfach ein Video von einem Popstar folgen.

Es wirkt so echt und ist kein „Ich bin so schön“-Kanal. Aber fällt dir das nicht auch mal schwer, so echt zu sein?
Nein (lacht). Es ist tatsächlich aus Faulheit entstanden. Ich finde zu lügen super anstrengend. Meine Therapeutin sagt auch immer: „Sie müssen lernen, auch mal nicht die Wahrheit zu sagen.“ Aber ich fühle mich ansonsten sofort schlecht und habe ein schlechtes Gewissen. Das ist auch meine Erziehung. Meine Eltern haben unfassbar viel Wert darauf gelegt, dass ich immer ehrlich bin. Leute, die fake sind, sind für mich auch uninteressant.

Man fragt sich, wie viel „Echt“, wie viel von dir im Protagonisten deines neuen Buchs steckt. Es ist ja auch was anderes, der Perspektive eines Mannes zu schreiben. Wie versetzt man sich da rein?
Ich hab das schon öfter gemacht. Weil ich finde, dass es gar nicht so viel anders ist. Männer sind auch Menschen (lacht), so wie Frauen auch. Ich finde, dass man da ein bisschen mehr literarische Freiheit hat. Für mich ist es einfacher, z.B. über Sex zu sprechen. Es gibt ein paar mehr Begriffe für den aktiven Part beim Sex als den empfangenden. Es ist ein bisschen so, wie es oft auf Englisch einfacher ist über Liebe zu schreiben. Ich konnte ein bisschen „rough“ in meiner Sprache sein. Das war mir wichtig.

Wie viel von dir steckt in Alex?
Alles, was Alex erlebt, sind nicht meine Erlebnisse, es ist alles ausgedacht. Von der Familie bis über die Stadt und so. Aber natürlich ist er auch ganz viel so wie ich. Weil ich das geschrieben habe. Im Grunde habe ich gar nicht so viel darüber nachgedacht, ob Alex einen Penis hat oder nicht. Ich habe einfach seinen Charakter in mir gefühlt.

Mir fällt es sehr leicht, mich in Männer rein zu versetzen. Aber das liegt auch daran, dass meine männlichen Freunde alle keine „Klischee-Prolls“ sind, die chauvimäßig abgehen. Ich musste nur so bei ein, zwei Sachen mal Fragen. Also wenn es zum Beispiel ums Onanieren ging, musste ich schon fragen, ob das so realistisch ist und ob man das so und so macht. Und ob man so und so über seine Ex-Freundin denkt. Und da habe ich auch nochmal gemerkt, dass Männer und Frauen häufig sehr ähnlich denken.

©“Nix passiert“ Ullstein Verlag

Warum hast du dir den Plot so ausgesucht? Das Kaff, man kommt zurück, so ist es Zuhause.
Ich glaube, dass es eine große Sehnsucht in den Leuten gibt. Ich hab auch in den letzten Jahren sehr viel darüber nachgedacht, wieder zurück zu gehen, in meine Heimatstadt. Und habe dann tatsächlich viel Zeit dort verbracht. Vor zwei Jahren, als ich auch das Exposé zum Buch geschrieben habe. Wie wäre es, wieder dort zu leben und zwar mit der Attitüde, die man sich zehn Jahre lang angewöhnt hat von der Großstadt.

Die ersten zwei Wochen glaubt man, alles ist voll geil und easy auf dem Land. Aber eigentlich sind die Landleute genau wie die Stadtleute, nur mit anderem Alltag. Man erkennt, warum man damals eigentlich weggegangen ist. Aber ich bin auch ein bisschen Schizophren, was das angeht. Bin ich auf dem Land, sehne ich mich nach der Stadt und umgekehrt.  

Man flüchtet sich auch gerne ins Kleine. Vielleicht auch, weil man sich von Social Media, dem Schnelllebigen einfach überfordert fühlt?
Ja, das weiß man ja auch, dass das die Leute stresst. Und ich glaube auch, dass es eine krasse Entscheidung ist. Ich verzichte darauf, fancy Zeug zu erleben, aber dafür habe ich meine Familie um mich rum, ich hab meine Freunde von früher, hab Ruhe und ich kann jeden Abend in meinem Garten chillen. Und das ist halt eine krasse Entscheidung. Beide Entscheidungen sind gegen sehr vieles. Und Social Media macht eben auch, dass wir ständig all diese Millionen Möglichkeiten sehen.

Hast du einen Tipp, wie man am besten mit Social Media umgehen sollte? Sind wir ehrlich: ganz ohne funktionieren wird das nicht.
Ich als Hardcore-Socialmedia-Userin meinst du? Vor zwei Jahren hab ich einfach Leuten entfolgt, die mir ein schlechtes Gefühl gegeben haben. Ich bin da auch super rigoros.
Ich glaub, wenn man 70 Models folgt, die den ganzen Tag durch die Welt jetten, ist es kein Wunder, dass man krank zu Hause mit einer Wampe sitzt und sein Leben hasst. Ich bin auch mal ungeschminkt und nehme mal richtig krass zu. Und man muss viel Sport machen und schaut dabei nicht aus wie ein Model. Man ist knallrot und hat blaue Lippen oder so.

Wie oft bist du auf Social Media, nonstop?
Nonstop ist es nicht, aber es ist schon sehr viel. Es ist nur nicht komplett nonstop, weil ich dazwischen noch sehr viel Netflix gucke. Oh Gott…
Aber ich versuche schon, jetzt wieder mehr zu lesen und das klappt auch gut. Im Moment ist es ein bisschen weniger als sonst, weil ich im Urlaub wieder gemerkt habe, wie hässlich Social Media sein kann. Wie viele Leute mich super krass angegriffen haben, dass ich in Ägypten bin oder dass ich Pauschalurlaub mache. Und dann habe ich mir das am Strand alles angeguckt und dachte mir, warum tu ich mir das überhaupt an?

Ich hätte auch sagen können, ich bin hier in einem super nachhaltigen Camp, wo ich mit dem Zug hin gefahren bin. Hier gibt es gesundes Essen und die Leute hätten dann gesagt ja, wenn man so privilegiert ist, kann man sich das natürlich auch leisten. Und alle anderen müssen halt Pauschalurlaub machen. Egal was du tust, es ist falsch.

Nach München kommst du aber mit dem Zug – ganz ohne Flug-Shaming. Was hast du für ein Gefühl, wenn du nach München kommst?
Ich bin tatsächlich ein großer München-Fan. Ohne Scheiss, da haben sich auch schon viele gewundert. Ich hab München in meinen Teenagerjahren kennengelernt. Wir waren auf Klassenfahrt in München, im Frühsommer. Das war wunderschön und wir hatten eine gute Zeit da. Und auch, dass man sich mittags in den Biergarten setzt, mal einen Wein zum Essen trinkt, diese Geselligkeit und so. Natürlich gibt es schlechte Seiten an München, aber die gibt es auch in Berlin oder Hamburg. Mein Bücher werden gut angenommen und auch die Leute sind gut zu mir.

Nochmal zu deinem aktuellen Lesereise und dem Buch: Welchen Tipp möchtest du unseren Leser*innen noch mit auf den Weg geben, was sie beim Lesen deines Buches beachten sollten?
Also ein paar Leute haben es bis jetzt Probe gelesen und die meinten, dass sie es in einem Rutsch durchgelesen haben. Man sollte also vielleicht damit anfangen, wenn man  nicht am nächsten Tag früh aufstehen muss. Oder gleich am frühen Morgen damit anfangen. Es ist ja nicht so dick, hat etwa 240 Seiten. Mein Tipp ist auf jeden Fall, dass, wenn man es abends anfängt, sollte man am nächsten Tag vielleicht frei haben.

MUCBOOK: Vielen Dank für das Gespräch, Kathrin.

Verlosung

Du hast Lust auf Kathrin Weßling und ihr neues Buch bekommen?
Wir verlosen 2×2 Tickets für die Lesung am 28.2. im Heppel & Ettlich. Kommentiere unter diesem Beitrag und verrate uns, ob du eher ein Stadt- oder Landmensch bist. Viel Glück!

Ausgelost wird am 10.2. und die Gewinner*innen per Mail benachrichtigt


In aller Kürze:

Was? „Nix passiert“-Lesung von Kathrin Weßling

Wann? 28.2.2020; Einlass: 19 Uhr; Beginn 20 Uhr

Wo? Heppel & Ettlich, Feilitzschstraße 12, 80802 München

Tickets? Ab 15 Euro gibt’s bei ausgewählten VK-Stellen oder hier.


Beitragsbild: © Privat

13 Comments
  • Tassilo Eichler
    Posted at 20:46h, 30 Januar

    Naja, eben auch beides. Deshalb leb ich ja in München. Abends auf ein kostenloses Avantgarde Music Festival und am nächsten Tag am idyllischen Wildfluss chillen … 🙂

  • Axel Rauschmayer
    Posted at 01:22h, 31 Januar

    Ich bin ganz klar Stadtmensch und denke dass Städte noch viel vor sich haben, was Politik, Einbindung der Natur, Gestaltung öffentlicher Plätze etc. anbelangt.

  • Kristin Ehrlich
    Posted at 18:23h, 31 Januar

    Eher Stadt, aber Dorf kriegste nich raus

  • Stef Rolfes
    Posted at 08:21h, 01 Februar

    Auf dem Land groß geworden,
    in der Stadt gereift.
    Und genauso würde ich es für meine Kinder auch wollen.

  • Ute Lutz
    Posted at 11:04h, 02 Februar

    bis 30 dachte ich: ganz klar stadt! aber dann? so ein garten im grünen und ein see in radlnähe ist schon sehr verlockend …

  • An schmiduns
    Posted at 13:50h, 03 Februar

    Definitiv Landmensch.

  • Monika Neumeier
    Posted at 14:22h, 03 Februar

    am Land in einer Kleinstadt in Niederbayern aufgewachsen, aber mittlerweile seit 20 Jahren zum Stadtmensch geworden.)))

  • Nina Lermer
    Posted at 16:15h, 03 Februar

    ich bin auf dem Land aufgewachsen und jetzt erstmal wieder zurückgekehrt – das Stadtleben fasziniert mich schon lange, da hat man einfach ein anderes Lebensgefühl, alles ist bunt, immer was los, laut – trotzdem freue ich mich jedes Mal wenn ich daheim bin und mich nur Felder, Wiesen und Weite umgeben – ich glaube die Mischung macht‘s

  • Jacqueline
    Posted at 17:05h, 03 Februar

    Stadtkind, das gelegentlich gerne aufs Land flieht.

  • Veronica
    Posted at 18:14h, 03 Februar

    Ich würde meine Kindheit in einem Müncher Vorort nicht missen wollen, mit dem Rad zur Schule, zum See und immer sind alle Freunde beieinander, denn man liegt eben an besagtem See an immer derselben Stelle, spielt gemeinsam Fußball im Verein und drückt die Schulbank nebeneinander. Doch schon in der Jungen wird das so vertraute Umfeld beengend und die Stadt und ihre Möglichkeiten der Freizeitgestaltung stillen das Fernweh nach der großen weiten Welt. Ob es mich dann in ein paar Jahren zurück aufs Land zieht, bezweifle ich. Doch schon einige der damaligen Freunde, die noch immer wichtige Herzensmenschen sind – weil das das schöne am dörflichen München ist, man bleibt in Kontakt und behält die Freunde in Reichweite- liegen bereits wieder an besagtem See an besagter Stelle und radeln von dort ins Eigenheim.

  • Anne-Marie Meier
    Posted at 19:34h, 03 Februar

    Stadtpflanze. Auch wenn mir der Garten von der Haustür manchmal fehlt. Ich bin in einer Kleinstadt im wilden Osten aufgewachsen, im Gegensatz zu meinem Schulfreunden in einem alten Haus, mit Garten – direkt in der Altstadt. Nix da Plattenbau. Jetzt in München habe ich zwar das kulturelle Leben vor der Haustür, dafür ist die Mietswohnung nicht wovon ich geträumt habe. Manchmal sehne ich mich nach dem Ort meiner Kindheit zurück, manchmal möchte ich es ganz hinter mir lassen. Aber so oder so: Es muss eine Stadt sein!

  • Eva Stangassinger
    Posted at 22:16h, 04 Februar

    Meine Eltern konnten sich nicht zwischen Land und Stadt entscheiden und ich bin jetzt ein Vorstadtkind

  • Kathrin Hettler
    Posted at 21:37h, 08 Februar

    Bin definitiv ein Landmensch, aber am besten mit einer Stadt in der Nähe 🙂

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