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Einheitsbräu: Die Auswahl der „Weltbierhauptstadt“ ist oft ernüchternd

Ein bauchig-braunes Flaschenmeer okkupiert das Kühlregal und funkelt dem Bierdurst augustinergrün und edelstoffgolden entgegen. Das Bayerisch-blau eines der See-Biere (Tegern- oder Chiem-) wurde ebenso prominent platziert und ein gewisses Kontingent der restlichen Münchner Großbrauereien ist auch vorhanden. Dazu ein paar Pils-Sorten aus überregionaler Massenproduktion und fertig ist das Sortiment.

Was sich in der viel zitierten „Welthauptstadt des Bieres“ München vielerorts Bierauswahl schimpft, erinnert der Vorstellung nach eher an die sozialistischen Konsum-Verkaufsregale der DDR: Gut gefüllt – nur leider mit den immergleichen Marken.

Dabei soll der Augustiner Brauerei natürlich in keinster Weise die Berechtigung abgesprochen werden, in allen Verkaufsstellen omnipräsent zu sein. Als älteste Münchner Brauerei und einzige verbleibende private Großbrauerei der Stadt, die nicht Teil eines internationalen Firmenimperiums ist, hat sie sich ihren Stammplatz an erster Stelle redlich verdient – zumal die Brauerei komplett auf Werbung verzichtet. Nur: Wer bitte braucht denn gleich drei Kästen gekühltes Augustiner Helles auf einmal?

Kleine Brauereien lassen die Münchner Bierkultur wieder hochleben

Es ist ja nicht so, dass die Produktpalette nicht mehr hergäbe: Allein Augustiner braut mitunter ein Weißbier, ein Dunkles und sogar ein Pils. Und neben den anderen altbekannten Großbrauereien der Stadt und der alteingesessenen Forschungsbrauerei aus Perlach (die auch die wenigsten kennen), gibt es eine ganze Reihe neuer Brauereien, die die Bierkultur in und um München wieder hochleben lassen. Was mit Giesinger Bräu vor zwölf Jahren angefangen hat, geht mit Haderner Bräu, Tilmans Biere, Crew Republic, Hopfmeister, Isar Bier und Isar Kindl weiter.

Je weiter man den Radius um München zieht, desto unüberschaubarer wird das Brauereigemenge. Selbst wer über den regionalen oder gar lokalen Flaschenrand nicht hinausblicken will, kann wirklich nicht behaupten, es gäbe nichts zu entdecken.

Bierhimmel Berlin

Bierhimmel Berlin, Spätkauf in Berlin-Neukölln, Foto: Alexander Viktorin

Bierhimmel Berlin, ein (zugegeben) sehr gut sortierter Spätkauf in Neukölln, Foto: Alexander Viktorin

Allerdings lohnt sich gerade der Blick über den regionalen Rand. Wie eine breit gefächerte Selektion aussehen kann, lässt sich am besten in Berlin beobachten. Ja genau, bei de Preißn. Die Berliner Spätkauf- oder Spätikultur (vgl. Kiosk an der Reichenbachbrücke, also ein Kiosk der so gut wie immer offen hat) hat sich unlängst zu einem siebten Himmel für Bierliebhaber entwickelt. In den unscheinbaren Mini-Läden versteckt sich oftmals ein Sortiment, das einer Spezialitätenhandlung würdig wäre. Natürlich gibt es auch hier große Unterschiede, aber fast immer gilt: Die oberbayerischen Klassiker Augustiner und Tegernseer sind standardmäßig vertreten, ebenso die Pils-Sorten Tannenzäpfle, Flensburger, Urquell und Budweiser. Dazu kommen die gängigen Berliner und restdeutschen Massenproduktionsbiere, oft ein paar fränkische Biersorten und eine Reihe von lokalen und regionalen Produkten oder anderweitigen Bier-Besonderheiten – auf dem Radler-Sektor hat sich mittlerweile Gösser durchgesetzt.

Kurzum: Man bekommt eine gute Auswahl von den großen Namen und auch vielen kleineren Brauereien, kann selbst entscheiden und immer mal wieder Neues ausprobieren.

Das war beileibe nicht immer so. Vor zwölf Jahren noch konnte man seinen ausgewanderten Münchner Freunden die größte Freude mit einem Kasten Augustiner machen, den man in die kulinarische Wüste Berlin importierte. Wenig später musste man aufgrund der verbesserten Versorgungslage schon auf Tegernseer umsteigen. Und als ich vor neun Jahren – selbst seit einigen Monaten ausgewandert – in einem neuen semilegalen Kellerklub „Tegernseer“ auf der Getränketafel geschrieben sah und voller Begeisterung über das flüssige Stück Heimat meine Bestellung tätigte, raubte mir die Gegenfrage der Barfrau für einen Moment lang die Sprache vor lauter Glückseligkeit: „Normal oder Spezial?“

Refugees welcome: Eingewanderte Biersorten

Was letztlich zu dieser breit gefächerten Auswahlkultur in den Berliner Spätis geführt hat, darüber lässt sich nur spekulieren. Sicherlich haben die vielen innerdeutschen Migranten ihre Lieblingssorten in die Hauptstadt mit eingeführt. So gab es eine Zeit lang beispielsweise die „Frankenbier Connection“ in Berlin-Neukölln – einen Laden, der nur fränkische Biersorten vertrieben hat. Den Laden selbst gibt es nicht mehr, aber vielleicht hat dadurch das ein oder andere fränkische Bier anderorts seine Liebhaber gefunden.

Und auch die Betreiber selbst haben ihren Anteil an der Vielfalt: Ein Großteil der Läden sind kleine Familienbetriebe mit türkischen Wurzeln und stehen den innerdeutschen Biervorlieben unideologisch und vor allem kundenorientiert gegenüber. Wer sein Bier nicht findet, fragt nach und oft steht es eine Woche später im Sortiment.

Außen unscheinbar, innen eine Spezialitäten-Bierhandlung: der Kanki-Spätkauf in Berlin-Neukölln. Foto: Alexander Viktorin

Außen unscheinbar, innen eine Spezialitäten-Bierhandlung: der Kanki-Spätkauf in Berlin-Neukölln. Foto: Alexander Viktorin

Gut möglich ist auch, dass die drei großen Berliner Biere – Schultheiss, Kindl und Pilsener – den Drang nach Alternativen befördert haben. Alle drei werden von demselben Hersteller, der Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei, in Hohenschönhausen produziert, der wiederum Teil der Radeberger Gruppe des Oetker-Konzerns ist. Genauso einzigartig schmecken die drei dann auch. Insofern sind die vielen neue Brauereien, die dort in den letzten Jahren entstanden sind wie die Rollberg Brauerei, Flessa Bräu, Berliner Berg, Brlo, Heidenpeters und die Berliner Bierfabrik auf großen Anklang gestoßen.

„Ich stelle immer wieder erstaunt fest, wie gut alle informiert sind“

Selbstverfreilich gibt es auch in München viele gute Adressen und Getränkehändler, die eine hervorragendes Sortiment führen und offen sind für neue Brauerzeugnisse und kleine Brauereien – selbst einige inhabergeführte Supermärkte können da mithalten.

Marta Girg, die mit ihrem Mann 2016 das Haderner Bräu ins Leben gerufen hat, bestätigt den Eindruck, dass Bewegung in den Biernabel München gekommen ist: „Der Getränkemarkt und noch stärker der Biermarkt schwanken zwischen Tradition und Moderne und haben sich in den letzten Jahren stark verändert.“ Und auch die Münchner würden ihr Bier bewusster trinken, auf Qualität, Herkunft und Regionalität achten und seien überhaupt zu Genießern geworden.

Beim wöchentlichen Hofverkauf kommt sie mit ihrer Kundschaft oft ins Gespräch. „Ich stelle immer wieder erstaunt fest, wie gut alle informiert sind, wo welches Produkt hergestellt wird und zu welchem Konzern die Marken gehören. Sie würden auch in den Getränkemärkten und im Einzelhandel lieber regionale und gute Produkte von kleinen handwerklichen Herstellern kaufen, bekommen aber oft nicht genügend Alternativen angeboten.“

Mehr Auswahl, bitte!

In Bayern gab es 2016 insgesamt 624 aktive Brauereien (Statistisches Bundesamt) – 1995 waren es noch 726 (die höchste Brauereidichte hat übrigens Oberfanken mit 167 Brauereien auf 1,086 Millionen Einwohner). Wenn diese kulturelle Vielfalt weiterhin bestehen soll, muss sich sie sich auch wieder mehr in der Auswahl der Verkaufsstellen widerspiegeln – aber auch im Kaufverhalten von uns Konsumenten. Öfter mal was neues. Und wer sein Wunschbier im Laden um die Ecke nicht findet, einfach mal nachhaken. Vielleicht steht es ja schon die nächste Woche im Kühlregal.


Beitragsbild:© Max Büch

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