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A wie Afghanisch – im Restaurant Hindukush

Verena Mayer

Verena entdeckt gern Städte, Menschen und das Ende der Welt. Der perfekte Nachmittag: Im Café sitzen, schreiben und Leute beobachten. Alternativer Berufswunsch, falls es mit dem Reporter-Leben nicht klappt: Food-Truck-Betreiberin.
Verena Mayer

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In unserer Reihe „Essen von A bis Z“ nimmt dich unsere Autorin und Test-Esserin Verena 26 Mal mit in die leckersten Restaurants der Stadt – wir fangen ganz einfach am Anfang an, bei „A wie Afghanisch“.

Das Viertel südlich des Hauptbahnhofs ist eine der wenigen Gegenden, in denen München noch wild und unangepasst ist. Eine kulturelle Enklave in dieser sonst so schick herausgeputzten Stadt. Rund um Goethe- und Schillerstraße sind die Bürgersteige voller Menschen, man hört ein Durcheinander an Sprachen. Die Stadt leuchtet, lärmt und lebt. Handy-Shops wechseln sich ab mit Spielbanken, orientalischen Supermärkten und Imbissbuden. Hier findet sich die Art von Lokalen, in denen Speisen mit bunten Essens-Bildern angepriesen werden.

So ein Schild hängt auch vor dem afghanischen Restaurant Hindukush, das sich an der Kreuzung von Landwehr- und Goethestraße befindet.

Das Hindukush ist keines dieser überschwänglich dekorierten, kitschigen Restaurants. Die Sorte Restaurant, die irgendwie verkleidet wirkt, um dem Klischeebild der deutschen Gäste zu entsprechen. Klar, ein wenig Glanz und Kitsch darf natürlich nicht fehlen: An der Decke hängen goldene Kronleuchter, die Wände sind mit orientalischen Fliesen verziert.

Aber es ist eine angenehme Mischung aus schick und praktisch. Die prunkvollen Glastische sind mit dicker Folie bedeckt (ist wahrscheinlich leichter zu putzen), die kunstvoll verzierten Stühle sind an den Kanten mit Gaffa-Tape abgeklebt. Neben uns sitzt ein afghanisches Pärchen. Auf der Suche nach der ultimativ-authentischen Küche schon mal ein gutes Zeichen.

Was könnte ein besserer Anhaltspunkt sein als Landsleute, die hier essen?

Das Restaurant ist benannt nach dem Hochgebirge, das sich im Nordosten Afghanistans erstreckt. Auf der Theke stehen Bilder von schneebedeckten Gipfeln und Klettertrupps. Der Küchenchef stammt aus der Hauptstadt Kabul und ist vor zehn Jahren nach Deutschland gekommen. Er kocht seit Eröffnung im Frühjahr 2018 im Hindukush. Sein Name ist Khan – „Wie Oli Kahn, der Fußballer“, sagt er und schmunzelt. Ich frage ihn nach seinem Lieblingsessen: Er mag am liebsten Fleisch, Hühnchen und Lamm. Bei einer Speisekarte, die mit ihren Grillspezialitäten wirbt und überhaupt zu 90% aus Fleischgerichten besteht, ist die Entscheidung dann schnell gefällt.

Meine Freundin bestellt gegrillte Fleisch-Spieße mit Salat, ich entscheide mich für eine Spezialität des Hauses: Qabali Palau, Lammfleisch mit gebackenem Basmatireis, Rosinen, Mandeln und Karotten. Das traditionelle Gericht darf auf keiner afghanischen Speisekarte fehlen. Es gibt zwar auch einige vegetarische Teller – Bolani, mit Lauch gefüllt Teigtaschen, oder Reisgerichte mit Gemüse, doch Afghanistan ist eindeutig kein Land der Vegetarier. Fleisch gilt dort nach wie vor als Luxus. Der freiwillige Verzicht ruft daher meist ungläubiges Erstaunen oder gar spöttische Kommentare hervor.

Wer kein Fleisch isst, muss wohl ein armer Schlucker sein.

Die afghanische Küche vereint Einflüsse vieler Länder. Ein kulinarisches Erbe der Seidenstraße, die dort früher entlangführte. Händler aus Persien, Indien, Zentralasien und dem Osmanischen Reich brachten fremde Speisen, exotische Gewürze und Zutaten mit. Spuren dieser interkulturellen Vergangenheit am Kreuzweg der Handelsrouten finden sich bis heute.

Bestandteil jeder Mahlzeit ist Fladenbrot, das wie im nahen Indien Naan genannt wird. Es gehört mit Reis zu den Grundnahrungsmitteln. Zum Essen wird grüner und schwarzer Tee serviert, oft gewürzt mit Kardamom. Chai-E-Sia und Chai-E-Sabz – allein der Name klingt verlockend.

Wie in vielen Nachbarländern werden die Speisen häufig mit Joghurt verfeinert. Er entschärft die oft kräftig gewürzten Gerichte oder bildet eine aromatische Balance zu der leichten Säure, die viele Gerichte auszeichnet.

Und dazu trinken wir Dogh

Dogh ist ein landestypisches Joghurtgetränk mit Zitronensaft, Wasser, Koriander und Minze. Es ähnelt dem türkischen Ayran und schmeckt wunderbar erfrischend.

Meine geschmorten Lammfleischstücke sind so zart, dass sie schon beim Antippen mit der Gabel zerfallen. Sie verbergen sich unter einem Berg von Reis, der durch das Anbraten und die vielen Rosinen eine aromatische Mischung aus süß und pikant ergibt. Auch die Hühnchen- und Lamm-Spieße meiner Freundin sind zart und saftig. Solche Spieße sind oft eine trockene und zähe Angelegenheit – hier aber ist das Fleisch auf den Punkt gegart und hat genau die richtige Dosis an Grillaroma. Als Beilage wählen wir Auberginen in Tomatensoße und Spinat. Ich konnte mich nicht entscheiden und habe kurzerhand umbestellt. Der Kellner hat nur gelacht und meinte, er bringt mir einfach beides zum Probieren.

Dazu bekommen wir zwei der riesigen Naan-Brote, die man auch aus der indischen und arabischen Küche kennt. Sie sehen aus wie weiche Lappen, landen noch warm auf dem Tisch und eignen sich wunderbar zum Auftunken der Reste. Ein kleiner Rest bleibt dennoch auf meinem Teller, die Portionen sind hier wirklich großzügig. Aber so habe ich gleich noch was fürs Mittagessen am nächsten Tag.

Für alle, die noch Platz für Dessert haben, gibt es Ferni, mit Nüssen und Kardamom verfeinerter Milchpudding, und süßes Baghlava.


In aller Kürze:

Was? Restaurant Hindukush

Wo? Landwehrstraße 44

Wann? täglich geöffnet von 11 bis 23 Uhr

Mehr Infos hier


Fotos: © Verena Mayer

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