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„Manchmal frage ich mich, wie wir das bewältigen konnten“: Abschiedsgespräch mit Lovelace-Macher Michi Kern

Michi Kern gilt als alter Hase im Münchner Gastro-Geschäft: von Clubs über Restaurants, bis zu Café und Kneipe hat er so einiges gemacht und kann auf eine wahrlich erstaunliche Veranstalter-Vita zurückblicken. Viele erfolgreiche Läden waren darunter und viele, die noch heute im kollektiven Gedächtnis geblieben sind. Man denke etwa an das Kong, das Pacha oder das Cafe King, um nur einige zu nennen, die er alleine oder mit Partner*innen betrieben hat. Von Szene und Underground bis zu Mainstream und Kommerz war und ist dabei vieles im Portfolio. Auch Münchens erstes veganes Restaurant im ehemaligen „Zerwirk“, da wo heute die „Spezlwirtschaft“ kocht, geht auf seine Kappe.

Um bei soviel Umtriebigkeit die innere Mitte für sich zu bewahren, hat der aus Sendling stammende Tausendsassa irgendwann das Yoga für sich entdeckt, nicht ohne auch das zur Erfolgsstory zu machen: Er leitet heute zwei Yoga-Studios in München und ist Mitherausgeber des deutschen Ablegers des’Yoga Journals‘.

Aus is‘: Das Lovelace schließt seine Pforten!

Sein ehrgeizigstes Projekt war aber sicherlich sein jüngstes: Mitten in der Altstadt, neben Literaturhaus und den fünf Höfen, hatte 17 Monate das „Lovelace“ als Hotel-Zwischennutzung seine Pforten geöffnet. Ein Hotel als Zwischennutzung? Ja, das geht, wenn auch eigentlich etwas mehr Zeit notwendig wäre, wie wir im Gespräch mit Michi Kern erfahren haben. Getreu dem selbst gewählten Motto „All places are temporary“ nimmt das Team um Kern nun seinen Hut und feiert dieser Tage den endgültigen Abschied. Gerüchten zufolge folgt ein 100 Millionen EUR teurer Umbau am altehrwürdigen Gebäude durch den Eigentümer und es entsteht ein permanentes, auf Luxusklientel ausgerichtetes Hotel an dieser Stelle.

Bevor die Abrissparty dieses Wochenende stattfindet und die Karawane weiterzieht, haben wir uns nochmal mit Michi Kern zusammengesetzt, um über seine verrückte Zwischennutzung, den Kreativstandort München und die Zukunft zu sprechen.

MUCBOOK: Michi Kern, was geht dir durch den Kopf, wenn du zurückdenkst an das ehrgeizige Projekt „Lovelace“ mit Kultur, Kunst und Hotelbetrieb?

Michi Kern: Unglaublich viel! Eine unglaubliche Menge von verschiedensten Anlässen und Menschen, Farben, Musiken und Sounds. Es ist lustig, wenn man das Revue passieren lässt, zum Beispiel jetzt in der Buchhaltung. Dann erinnert man sich wieder an alles.

Manchmal frage ich mich im Rückblick wirklich, wie man das überhaupt bewältigen konnte.

Wir hatten ja drei bis sechs Veranstaltungen die Woche im Schnitt. Das haben wir ganz gut durchgestanden. Es waren so viele tolle Leute da und man kann ja leider nur einen Teil der Veranstaltungen persönlich erleben.

Es gibt ja welche, die machen alles selber mit, aber jetzt mit Family wird es schwierig. Herr Bachler vom Nationaltheater beispielsweise sitzt ja angeblich in jeder Vorstellung persönlich – was heroisch ist, könnte man sagen.

Der will vielleicht auf Nummer sicher gehen, dass auch alles stimmt?

Wahrscheinlich das. Ich glaube aber auch, dass er einfach ein Liebhaber ist, der das genießt! Der genießt die Musik und alles drum und dran. Das aber nur am Rande. Für uns war es nicht möglich, alles zu erleben. Deshalb war ich oft auf das Feedback der Leute angewiesen, also von den Akteuren oder dem Publikum. Das Feedback war überwiegend sehr positiv. Auch weil man gemerkt hat, wie wichtig es ist, dass solche Räume zur Verfügung stehen. Vor allem für Veranstaltungen, wo vielleicht nur 10 oder 15 Leuten kommen, die „Special Interest“-Geschichten. Dass Räume kostengünstig oder auch kostenfrei zur Verfügung stehen, wo man trotzdem in einem Rahmen ist, in dem man sich wohl fühlt. Einen Raum kriegst du vielleicht schon irgendwo in München, aber da kriegst du halt dann vielleicht nichts zu Trinken.

Das hat sich sehr bewährt und es hat auch großen Spaß gemacht. Allerdings war es auch sehr viel Arbeit und hat natürlich viel Geld gekostet. Ich glaube zwar, dass uns das viel gebracht hat, aber es ist schon eine Investition. Wenn wir Räume umsonst zur Verfügung stellen, haben wir ja trotzdem Kosten für Personal und Reinigung, Auf- und Abbau und die Technik. Dann weiß man auch, warum es das nicht so oft gibt.

Was ist deine Motivation, Menschen diesen Raum zur Verfügung zu stellen?

Also echtes inhaltliches Interesse, das steht an erster Stelle. Sachen, die uns persönlich oder auch die Firma interessiert haben, weil wir dachten: das passt zu uns.

Machen wir mal ein Beispiel: Ein Professor der TUM hat hier mehrere Seminare über Architektur gehalten hat, wo das Haus hier eine Rolle gespielt hat, wo es aber auch um internationale Projekte ging, um Zwischennutzungen, aber auch um Konzernzentralen, wie die sich heute gestalten.

Es ist natürlich ein schöner Effekt, dass es Leute ins Haus bringt, auch am Sonntag, am Montag und am Dienstag, wenn jetzt keine große Party stattfindet oder die Bar nicht so interessant ist. Es bringt auch Aufmerksamkeit im Sinne von Presse. Wenn du keine Inhalte hast, über was soll denn dann auch geschrieben werden? Man kann ja nicht zum hundertsten Mal schreiben „Da gibt es jetzt ’n Hotel und ’ne Bar“.

Es gab auch Veranstaltungen, an die wir gar nicht gedacht haben und wo wir auch nicht gedacht haben, dass es einen Zusammenhang zu uns hat. Um ein Beispiel zu nennen: Es gab etliche klassische Konzerte auf dem neuen Steinway-Flügel

Klär mich auf, das ist ein spezieller Flügel?

Steinway ist die berühmteste Klavier- und Flügelmanufaktur seit Jahrhunderten sozusagen. Die bauen eben ganz tolle Instrumente. Die haben hier Konzerte veranstaltet, und zwar weil sie uns toll fanden und weil die Akustik hier im Haus so geeignet ist dafür. Daran hatten wir zum Beispiel gar nicht gedacht. Durch diese Ränge im ersten, zweiten und dritten Stock, wo die Leute auf der Galerie stehen können, hat man einen ganz eigenen Blick auf die Instrumente von oben und einen anderen Sound, weil der nach oben weggeht.

Wir haben ja auch etliche politische Sachen gemacht mit Parteistiftungen oder auch mit Professor Lessenich von der Uni (vom Institut für Soziologie in München – Anm. der Red.). Ein ganz interessanter Akteur auch, der hat hier mehrere Veranstaltungen gemacht. Das profiliert einen natürlich auch als Location und erschließt neue Publikumskreise.

Man hat dann einen Erstkontakt aus dem konkreten Anlass heraus?

Genau, deshalb glaube ich, dass das Haus hier tatsächlich eins geleistet hat, nämlich dass es wie versprochen ganz unterschiedliche Leute angesprochen hat. Machen wir mal ein anderes Beispiel: Die Unicredit Festspielnacht, die hier in den Fünf Höfen und auf der Straße einmal im Jahr veranstaltet wird und von der ich noch nie etwas gehört habe, obwohl es die seit 15 Jahren gibt. Da waren dann im Durchlauf über 3.000 Leute hier – vor allem älteres Publikum – die begeistert durch das Haus und auf die Balkone sind wie bei einem Tag der offenen Tür. Die Festspielnacht war eben der Anlass, aber die wären sonst sicher nie her gekommen.

Die Terrasse hat mich beim ersten Betreten auch begeistert. Das Feedback hat ihr ja sicher öfters.

Es ist halt dieser komische Blick über München. Vor allem der nahe Blick an die Reliefs der Häuser gegenüber, die man ja von unten kaum sehen kann. Du siehst dann eben oben die toll gestalteten Reliefs und du schaust dem Bischof ins Arbeitszimmer.

Hier kann ja auch jeder rein!

Was man sagen muss: das Haus war ja 24 Stunden offen. Tagsüber sind schon viele Leute auch mal reingekommen, um sich das anzuschauen. Das war sehr schön zu sehen, dass das auch respektiert wird, weil hier ja alles offen ist. Da hätte auch jeder irgendwas mitnehmen können.

Aber die Leute haben es sehr respektiert, dass es ein offenes Haus ist.

Also es ist schon mal irgendwo ’ne Flasche verschwunden, aber eben kein Vandalismus, es ist nichts kaputt gegangen. Das hat uns schon gefreut, dass auch das Nachtpublikum das so respektiert, dass du so ein offenes Haus hast.

Ich habe gelesen, dass dein Motto war: „Man muss sich 200% vornehmen und 100% schafft man dann bestenfalls!“. Wo seid ihr hinter euren Erwartungen zurückgeblieben?

Wir hätten gerne viel, viel mehr Filme gezeigt. Vor allem Dokumentarfilme, da haben wir einfach gemerkt, dass es ganz schwierig ist mit den Lizenzen. Du musst das quasi fast schon einzeln lizensieren lassen und dann ist es praktisch unbezahlbar. Auch wenn es nicht viel kostet, aber es sind dann zwischen 80 und 150 Euro pro Film. Das spielst du natürlich nicht wieder ein, da hast du keine Chance, weil es kommen dann zehn oder 15 Leute.

Mit dem Queer-Film-Festival hatten wir mal eine tolle Vorführung. Da hat man gesehen, wie gut es funktionieren könnte und was das für einen Spaß macht in dem Rahmen. Aber um jetzt zum Beispiel etwas mit dem Dok.Fest zu machen waren wir viel zu kurzfristig aufgestellt, das hat ja immer alles einen ewigen Vorlauf. Was wir auch nur sporadisch und gerne viel öfter gemacht hätten, war Tanz. Diese Lobby-Situation mit den 100 qm-Parkett hat sich natürlich zum darauf Tanzen angeboten – gerade für modernen Tanz, wenn man von oben so toll drauf schauen kann.

Wir haben ein paar Theater-Sachen gemacht, da hätte man sich auch noch ein bisschen mehr vorstellen können und dabei die verschiedenen Räume auch nutzen, zum Beispiel. Mit dem Publikum durchs Haus ziehen und so.

Und es gab kein Restaurant…

Die große Frage ist, ob es nicht im Rückblick sinnvoller gewesen wäre, ein Restaurant hier einzubauen. Auf der einen Seite war es gut, hier kein Restaurant zu haben, weil die Vielzahl der Veranstaltungen das vielleicht auch gestört hätte. Es ist ambivalent. Restaurant wäre auch in unserem Sinne, weil wir ja vegan und vegetarisch sind, das hätte man hier auch nochmal präsentieren können. Aber es war einfach nicht mehr zu leisten und wir hätten es uns auch vielleicht finanziell nicht mehr leisten können.

Wäre das finanziell nicht eher zuträglich gewesen?

Naja, Restaurants sind ja immer auf Naht genäht. Da hätte man vermutlich kein oder nicht viel Geld verdient. Man hätte aber viel Geld ausgeben müssen, weil eben das Personal so teuer ist.

Es ist immer auch ein Spagat zwischen Restaurantbetrieb und Veranstaltungsbetrieb.

Wir haben am Anfang auch gedacht, dass wir die Events aus der eigenen Küche bekochen – wir hatten ja einen Küchenchef. Wir haben das dann nicht mehr gemacht, weil es nicht gut zusammenpasst – was du für Veranstaltungen kochst und das was du à la Carte kochen möchtest.

Man denkt immer wenn man eine Küche hat: „Na klar, dann schmier‘ ich dir auch die Semmeln“, aber der Küchenchef will keine Semmeln schmieren, sondern 5-Gänge-Menüs machen. Das ist das Problem.

Was ist dein großes Learning aus dem Projekt „Lovelace“? Lohnt es sich finanziell oder ist das Idealismus, dass man sowas macht?

Es ist natürlich Idealismus. Weil die berühmte Selbstausbeutung hier auf die Spitze getrieben wird irgendwie. Das kann man gar nicht abrechnen, was man dann wirklich arbeiten muss. Und es ist natürlich auch Idealismus, bezogen auf das ganze Kulturprogramm, das wir eben besprochen haben. Ohne das geht es nicht – finde ich aber auch richtig.

Es lohnt sich sowas zu machen – aus ideellen Gründen lohnt es sich und es lohnt sich auch so, aber man braucht ein bisschen mehr Laufzeit.

Wir waren jetzt 17 Monate da. Sagen wir mal, wir hätten 30 Monate gehabt, dann wäre es besser gewesen. Mit 24 Monaten hatten wir gerechnet. Ein bisschen Zeit haben wir am Anfang durch die Genehmigungsprozesse verloren. Am Ende mussten wir nun auch etwas früher raus als gedacht.

Gab es da keine vertragliche Absicherung?

Der Hausbesitzer hat gesagt, dass er es uns bis zu einem bestimmten Zeitpunkt garantieren kann, und danach gibt es eine Chance, dass es noch weitergehen würde. Dann hat man Mitte des Jahres festgestellt, dass sie doch viel schneller waren, als sie selbst gedacht hatten. Dann ist es halt nun so und es war toll überhaupt da gewesen zu sein.  Aber aus meiner Sicht lohnt es sich natürlich und ich kann auch nur alle ermutigen.

Klar gibt es etliche Dinge, die ich nun anders machen würde, aber im Grundsatz lohnt sich’s schon.

Was würdest du anders machen?

Im Nachhinein weiß man natürlich viele Stellen, an denen man Geld hätte sparen können. Oder es anders machen können. Aber das ist ja sozusagen auch die Erfahrung, warum es sich dann lohnt, es einmal so zu machen, damit man eben dann dieses Learning hat.

Dieses Projekt hier war schon so intensiv, dass ich sehr auch an meine Knowhow- und Könnensgrenzen gekommen bin.

Man merkt dann dass es Dinge gibt, die man eben nicht kann. Oder die einen sehr belasten und anstrengen. Auch von der Art und Weise, wie man arbeitet. Da muss man sich sehr umstellen. Aber auch das lohnt sich natürlich. Das ist eigentlich fast unbezahlbar.

Das führt gleich zum nächsten Thema: Was steht denn jetzt an bei dir und deinem Team? Kannst du uns schon was Konkretes sagen?

Ich kann noch nichts Konkretes sagen, aber wir haben mehrere Eisen im Feuer, die wir schmieden. Zwei Sachen in München und zwei bis drei Sachen außerhalb von München, weil natürlich Hotelprojekte nie wirklich an einen Ort gebunden sind und wir auch gerne in anderen Städten was machen wollen. Aber wir hoffen natürlich, dass wir in München auch zum Zug kommen.

Es geht jetzt nicht nahtlos weiter, aber ich denke schon, dass es in absehbarer Zeit weiter geht mit einem Projekt, das als Nachfolgeprojekt vom Lovelace wiedererkennbar ist.

Also wieder „Hotel + X“, wenn man es so nennen will?

Genau, „Hotel + X“ wäre unsere Stoßrichtung.

In die Richtung hast du dich über die Jahre so ein bisschen entwickelt. Von Clubs zu Gastro und zuletzt zum Hotel.

Ein Bekannter aus Berlin hat das mal lustig als „Abstieg des Clubbetreibers“ erklärt. Es geht los damit, Parties zu machen. Da ist man ja noch wirklich am Puls der Zeit und ist total hip und frei. Dann macht man einen eigenen Club, da ist man natürlich nicht mehr so frei. Auch nicht mehr ganz so hip, weil natürlich Kompromisse gemacht werden müssen nach einer gewissen Zeit. Dann wird man älter, dann macht man eine Bar, weil Club hält man nicht mehr aus, zu laute Musik und so weiter. Die nächste Stufe des Abstiegs ist dann das Restaurant – da ist man dann schon fast unten angekommen (lacht).

Und wenn man gar nicht mehr fit ist, legt man sich ins eigene Hotel?

Genau, dann am Ende macht man noch Hotel. Das fand ich irgendwie ganz lustig, das so als Abstieg zu sehen.

Was die Aktivität vor Ort betrifft wird es da immer ruhiger?

Genau, es wird immer ruhiger. Es wird zwar immer mehr Arbeit, aber es wird natürlich in einer gewissen Art und Weise auch immer normaler, immer konventioneller. Aber auch immer „unfreier“. Wenn ich mir die Partyveranstalter so anschaue: Montag oder Dienstag braucht man sich eh nicht mit denen verabreden. Ab Mittwoch kann man es ins Auge fassen irgendwie. Dann natürlich erst ab Mittag. Vormittagstermin kommt da nicht in Frage. Und Donnerstag oder Freitag kann man sich dann am Nachmittag mal treffen. Ansonsten haben die echt was anderes zu tun – müssen sich locker machen oder so. Das ist natürlich eine Art von Freiheit und von Spontanität, die man später nicht mehr halten kann.

Das ist der Lauf der Dinge. Man wird natürlich immer älter und älter. Ich weiß ja nicht, was dann nach dem Hotel kommt, da kommt dann vielleicht ein Sonnenstudio, oder so (lacht).

Wie leicht oder schwer haben es denn Zwischennutzungen in München? Du hast da ja vielleicht auch den Vergleich zu anderen Städten. Was kann oder muss man verbessern aus deiner Sicht?

Also wir haben jetzt wirklich viel recherchiert und auch lange gesucht das letzte halbe bis Dreivierteljahr. Wir können mal eins sagen: Der Platz ist bei weitem nicht so knapp, wie man denkt. Es gibt wirklich viel, viel Leerstand von allen möglichen Immobilien- und Gebäudearten. Und zwar wirklich auch Dinge, wo es einem sehr leid tun kann. Wir haben tolle Sachen gesehen, die seit Jahren leer stehen oder wo sich die Besitzer, aus welchen Gründen auch immer, nicht entscheiden können zu einer Zwischennutzung oder überhaupt zu einer Nutzung. Manchmal wird da natürlich spekuliert, manchmal aber auch gar nicht.

Wir haben auch ein tolles Objekt gesehen, wo der Besitzer in England gesagt hat: „Stimmt, hab‘ ich total vergessen!“. Wenn jemand zum Beispiel hundert Immobilien hat, dann kann er schon mal eine vergessen. Es gibt auch viele tolle Lagen, die leer stehen, wo die Besitzer einfach unentschlossen  sind, was zu tun ist. Man kann sagen, in erster Linie wollen alle Büro machen, weil Büro am flexibelsten ist und der Büromarkt in München boomt. Du kannst eigentlich nix falsch machen und es ist auf Jahre hinaus gesichert. Hotel ist natürlich immer eine Sonderimmobilie – was machst du, wenn das nicht klappt?

Die Zwischennutzungen sind schon irgendwie in aller Munde, das fällt den Leuten auch inzwischen von selber ein. Das hat man schon geschafft.

Auch die Stadt hat ja schon viel getan dafür, aber grundsätzlich geht’s einfach nicht schnell genug!

Die Genehmigungsprozesse sind für Zwischennutzungsverhältnisse einfach zu langwierig. Man hat natürlich das Problem: du kannst jetzt nur weil es zwei Jahre geht ein Hotel nicht anders genehmigen als ein Hotel, das zehn Jahre läuft – die Leute schlafen hier ja genauso wie da.

Da kann man wahrscheinlich nur sagen, dass die Genehmigungsprozesse insgesamt zu langwierig sind. Aus welchen Gründen auch immer – Personalmangel, Überlastung, strukturelle Probleme.

Man könnte das vermutlich ein bisschen beschleunigen für alle. Aber auf der anderen Seite: alle wollen’s sicher haben, feuerpolizeilich kannst du keine Kompromisse machen.

Aber klar, wenn die Genehmigung ein Jahr dauert und du hast nur zwei oder drei Jahre, dann ist das natürlich für die Zwischennutzung tödlich. So einfach muss man es sagen.

Es ist aber auch irgendwie ein Gemeinwohl, wenn man sagt: so Projekte ziehen Leute an, sorgen für einen gewissen Ruf der Stadt und sind interessant. Die Leute gehen dann vielleicht auch in die Hotels hier in der Stadt oder ziehen hierher und gründen eine Existenz, etc.. Das wird doch mehr und mehr ein Faktor?

Unbedingt. Also wenn ich in der Stadt sitzen würde, würde ich natürlich dieses Kalkül ziehen und einfach sagen: „Was bringt mir denn als Stadt etwas?!“ Auf das Museumsareal kannst du irgendwie noch fünf Museen draufbauen und jedes Museum bringt irgendwie noch – was weiß ich – 100.000 Übernachtungen mehr. Auf die Dauer rechnet sich das immer. Unabhängig davon, was es kostet.

Aber ich würde auch sagen – man sieht es an Berlin, man sieht es an anderen Städten – dass das Nachtleben, die Kultur, die Ausgehkultur und alles, was damit zusammenhängt – Theater, Konzerte – dass das touristisch und auch für die Stadt ein großer Umsatzfaktor ist. Ich würde das natürlich viel mehr betonen.

Wir sind halt hier total auf’s Oktoberfest ausgerichtet und daneben fällt den meisten eigentlich nix mehr ein.

Es ändert sich gerade so ein bisschen, glaub ich. Man muss sich ja immer anschauen: womit wirbt München außerhalb von München? Mit Nachtleben? Ich glaube, das haben die bis vor kurzem gar nicht gewusst, dass es das gibt! (lacht)

Vielleicht war es ja auch ganz gut so, dass man das nicht gewusst hat.

Dann hat man irgendwann mal entdeckt nach langem Nachdenken: „Ah, die Eisbachwelle!“. Die ist jetzt ja in jedem Stadtführer. Also hast du Oktoberfest, Eisbachwelle und dann …

… Bahnwärther Thiel jetzt vielleicht noch?

Genau, dann kommt die Utting wahrscheinlich. Und was dann? Man könnte mehr Dinge tun und da schlagkräftiger sein. Man könnte für München viel mehr Werbung machen. Es ist ein großes Problem für uns: Berlin ist nach wie vor der Magnet. Das war ja kürzlich in der Presse, dass die Unternehmen ihre ganzen Kreativen nicht halten können, weil die alle nach Berlin wollen. Das weiß ich hier von den großen Agenturen, die haben dieses Problem massiv. Und wir merken es in der Gastronomie natürlich auch. Man merkt es an der Musikszene und wir merken es an den Köchen und wir merken es sozusagen an der „Szene“, dass die Szene natürlich ständig verliert.

Diesen Schwund, gibt es den eigentlich schon immer? Du bist ja schon sehr lange dabei. Oder ist das verstärkt in den letzten Jahren so?

Natürlich gab es immer Schwund. Ich kann nicht sagen, wie es jetzt ist Aber es gab mal, als ich angefangen habe vor dreißig Jahren, eine ganz starke Gay-Community und eine ganz große Schwulenszene. Dann kam Aids als großes Problem. Und mit dem Aids sind ganz viele Leute nach Amerika oder nach Berlin gegangen. Und davon hat es sich meiner Meinung nach nie mehr so richtig erholt.

Warum veranlasst einen das, nach Berlin oder nach Amerika zu gehen?

Das kann man jetzt vielleicht nicht schreiben, aber da sind die Leute echt zum Sterben hingegangen. Die sind nach Florida gegangen, sind nach Berlin gegangen, weil Aids ja damals einen ganz anderen Stellenwert hatte. Du konntest ja mit Aids hier eigentlich nicht auf die Straße gehen. Das hat man heute ja vergessen. Gauweiler hat ja angekündigt damals, diese Zentren zu bauen. Da sind die Leute abgehauen, weil man dachte: Der Typ, der spinnt! Es ging ja um die Registrierung, die lange umstritten war. Dann ging es um die Zentren und Meldepflicht und Isolation. Man wusste ja nicht: Wohin geht die Reise? Und es gab eine ganz große Verunsicherung auch in der Öffentlichkeit. Man wusste ja nichts so genau darüber.

Ich bin damals Rettungsdienst gefahren und für jeden Aids-Patienten haben sie uns in Ganzkörper-Anzüge gesteckt. Mit so Überschuhen und Overalls, Maske. Wir waren auch total verunsichert. Jedenfalls: Die Gay Community ist zusammengebrochen. Berlin war – auch abgesehen von der Aids-Geschichte – der große Anziehungspunkt, international auch. Das war schon ein Aderlass an lustigen Leuten und Paradiesvögeln und auch die Schwulen und Lesben. Für Kreative war Berlin natürlich attraktiver, weil es billiger war zumindest. Es ging ja immer darum: der billige Wohnraum, der Platz. Und es sind natürlich auch etliche Gastronomen abgewandert, weil sie gesagt haben: „Du, viel einfacher dort“! Gerade was Genehmigungen betrifft, war es eine ganze Zeit lang viel einfacher, dort was zu machen. Wenn du überhaupt eine Genehmigung gebraucht hast.

Nach der Wende im Osten?

Brutal! Also die ganzen Clubs, die man da kennt im Osten, Tresor, E-Werk und wie sie alle heißen. Das ist ja erst Jahre später legitimiert worden in irgend einer Form.

Ich hab da erst vor kurzem ein Buch gelesen:“Berlin, Techno und die Wende“. Eine reine Oral History von allen Protagonisten damals, also Westbam, Dimitri Hegeman und so…

…der damals den Tresor gemacht hat. Das sind alles Freunde von uns, von damals. Wir waren baff, erstaunt, was da geht. Machen wir mal ein anderes Beispiel: unsere Leute in Dresden, mit denen wir Pacha-Parties gemacht haben: was die in Dresden bewegt haben und bewegen konnten in den ersten Jahren… die haben sich da Dinger hin gebaut, das war unglaublich! Alles genehmigt geworden irgendwie, diese ganzen Außenflächen, Freischankflächen. Das hat Dresden halt stark gemacht als Tourismus-Ding. Undenkbar in München. Da gab es jedenfalls eine gewisse Abwanderung.

Da verpasst München was?

München ist halt so: man ist sich seiner Sache zu sicher. Man will die Sachen ja deswegen nicht, weil München ja denkt, das es sozusagen der Nabel der Welt ist und dass es hier die beste Lebensqualität gibt, das trägt man hier so vor sich her. Das man jetzt aber feststellen muss: keiner kann es sich mehr leisten, es gibt nix zu Wohnen, es gibt keine Kita-Plätze, etc. Die Luft ist schlechter als irgendwo anders. Und da sagst du: Ja, wo ist denn jetzt die Lebensqualität? Wo ist sie denn geblieben?

Ich glaube, München ist zu langsam und zu bequem und das wird uns auf die Füße fallen.

Und so trivial das ist: die Kosten des Wohnens, das wird uns noch das Genick brechen! Das ist irgendwann nicht mehr durchzustehen. Und natürlich dass du überhaupt erst mal keine Wohnung findest. Das ist so irre unattraktiv.

Es ist als Thema oft durchgekaut, man hat es schon Tausend mal gesagt, aber es ist halt so.

Man will’s einfach nicht mehr hören, aber schauen wir mal nicht nach Berlin, sondern nach Wien. Die machen das mit ihren Wohngenossenschaften seit den Dreißiger Jahren. Da fällst du vom Glauben ab, was die Wohnungen dort kosten. Wie preiswert die sind und wieviel Wohnraum es gibt. Wien ist schon wirklich auch eine sehr attraktive Stadt und ich würde sagen, die überholen uns. War ja auch neulich in einem Ranking. Die überholen uns links.

Es geht eben darum: Grundsätzlich hat man so das Gefühl, dass München mit relativ wenig Aufwand viel, viel mehr erreichen könnte. Diese Oktoberfest-Zentrierung ist ja irgendwie ein bisschen Ballaballa. So schön ist es jetzt dann auch wieder nicht.

Abschließende Frage: Was wünscht du dir für München, außer günstigeren Wohnraum?

Da muss man jetzt natürlich ein bisschen platt auch antworten: ein bisschen mehr Mut, Spontanität, ein bisschen aus der eigenen Bräsigkeit aussteigen und ein bisschen internationaler werden. Es ist ja wahnsinnig gemütlich hier, aber so ein bissl internationaler könnt’s schon sein! Wird es ja auch, aber es dauert alles sehr lange und es ist immer so ein bisschen mutlos. Es gab ja jetzt auch etliche große Wohnbauprojekte – Parkstadt Schwabing oder in der Leopoldstraße, wo große Sachen entstanden sind, auch der Park hinter dem Parkcafé. Das schaut man sich dann so an und man denkt sich: „Naja“. Es ist jetzt nicht wirklich hässlich, es ist irgendwie modern, aber schau dir mal den Medienhafen in Düsseldorf an oder schau dir die ganze Hafengeschichte in Hamburg an. Das muss einem jetzt nicht gefallen, aber man sieht doch sofort, wie das funktioniert. Bau so eine Elbphilharmonie, um ein ganz großes Beispiel heranzuziehen, dann hast du ausgesorgt, in Anführungsstrichen. Mehr Marketing kannst du ja für deine Stadt gar nicht machen! Dann schau dir unsere Philharmonie-Diskussion an und das, was dabei herauskommt.

Wir müssen jetzt kein München-Bashing machen, München ist schon gut, aber bisschen mehr Mut und ein bisschen Geschwindigkeit auch und Neugier!

Dann gibt es aber zum Beispiel so Ecken wie das Kreativquartier am Leonrodplatz, wo viel passiert…

Also ich höre relativ wenig davon. Vielleicht machen die auch nur schlechtes Marketing, in Anführungsstrichen. Ich möchte denen jetzt nicht Unrecht tun. Vielleicht machen die total tolle Sachen. Jedenfalls: soweit ich weiß, sind die Hallen nicht bespielt seit Jahren. Es gibt etliche weitere Hallen von den Stadtwerken, die so vor sich hindümpeln, wo eigentlich keiner weiß, was da mal passieren soll.

In einer davon sehen wir dich in Zukunft?

Ne, ich bin jetzt nicht so Hallen-affin, aber um zum Thema zurückzukehren: ich würde mir Mut, Geschwindigkeit und Neugier für München wünschen!

In dem Sinn: Vielen Dank für das Gespräch, Michi Kern!


In aller Kürze:

Was? Lovelace Hotel Closing

Wann? Samstag, 5. Januar ab 21 Uhr

Wo? Lovelace, Kardinal-Faulhaber-Str. 1 / Zusatzlocation Filmcasino

Wieviel? 25 € plus Gebühren, Tickets hier


Fotos: © Florian Kraus

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