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Adieu, Z Common Ground – ein Gespräch zum Abschied & Verkauf der Kunstwerke

Gut fünf Wochen lang konnte man die Zwischennutzung „Z Common Ground“ in Laim auf 4.000 Quadratmetern bewundern. Jetzt muss der Off-Space bald endgültig der Abrissbirne weichen. Der Schlussakkord war zwar vorweg einstudiert, ein bisschen schnell verging die Zeit aber doch für unseren Geschmack.

Eine allerletzte Möglichkeit, das Gebäude zu betreten, gibt es übrigens noch: Diesen Sonntag beim „Alles musz raus“-Kunstverkauf. Dort wird ein Großteil der Kunstwerke verkauft, die vor den Baggern gerettet werden können.

Knapp 40 der bei Z common ground beteiligten Künstlerinnen präsentieren hierbei ihre Teile aus der Zschokkestraße oder steuern aktuelle Arbeiten aus ihren Ateliers bei. Außerdem werden hochwertige Fine Art-Prints von ausgewählten Motiven, individuell bedruckte Shirts und Plakate angeboten. Für jeden Geschmack und jede Preisvorstellung dürfte also etwas dabei sein.

Der Eintritt ist frei. Alle Erlöse des Verkaufs gehen laut Angaben der Veranstalter nach Deckung minimaler Ausstellungskosten komplett an die Künstlerinnen von Z common Ground (Künstlerliste s. unten).

Wir haben außerdem mit Angelika Man aus dem Kernteam von Z Common Ground vor einigen Wochen über die ehrgeizige Zwischennutzung gesprochen. Sie hat das Projekt mit ihren Mitstreitern als Presse-Sprecherin des „Vereins für Urbane Kunst e.V.“ aufwändig vorbereitet und natürlich vor allem während der Ausstellung sehr intensiv betreut. Wo die Eindrücke noch so frisch sind, hat man wohl einen unverklärten Blick auf die Dinge, den sie mit uns geteilt hat. Lest also gerne nochmal das interessante Gespräch mit ihr:

Hi Angelika, was fällt dir als erstes ein, wenn du an die Zeit im Z Common Ground zurück denkst?

Unglaubliche Vielfalt an Menschen, Kunstrichtungen, Ideen. Und unfassbar viel Arbeit! Eine schier überwältigende Herausforderung, aber dass es das wird, war uns von Anfang an klar.

Das Gebäude von außen

Hat die Kombination von verschiedenen Kunstrichtungen deiner Meinung nach gut funktioniert? Wie war die Resonanz durch das Publikum und die Presse?

Unser großes Ziel der Durchmischung haben wir klar erreicht: Kunst aller Sparten absolut gleichberechtigt neben- und miteinander entstehen zu lassen. Das hat insgesamt erstaunlich gut funktioniert, bei gut 100 Mitwirkenden, die alle vor Ort gearbeitet haben! Natürlich ist im Entstehungsprozess hier und da durch Reibung zwischen manchen Beteiligten, die räumlich eng zusammenarbeiten mussten, Hitze entstanden – bisweilen sind auch mal Funken geflogen. Aber wir haben insgesamt nur auf eine einzige Position verzichten müssen, die sich der Herausforderung, konsequent zu kommunizieren und Lösungen zu finden, nicht stellen wollte.

Ein paar oberflächliche Medien haben unser Projekt recht einseitig dargestellt, nach dem Motto: freies Zwischennutzungsprojekt? Kann eh – nur Graffiti sein. Da wurde dann die wirklich einmalige Vielfalt zum Beispiel auf „FCBayern Basketball goes Streetart“ reduziert und der Großteil unseres Projekts, das aus bildender Kunst, Installationen, Tanz, Performance, Theater und gesellschaftsrelevanten Projekten bestand, kurzerhand ignoriert. Aber das waren zum Glück nur ein paar wenige Ausnahmen – und diese Berichte waren zu 100 % von Leuten gemacht, die zuvor keinen Fuß ins Z common ground gesetzt hatten.

Ich möchte ein besonders schönes Zitat vom Journalisten Martin Zeyn aus dem BR Kultur Newsletter wiedergeben, der von unserer Vernissage folgendes schrieb:

„Bemalte Wände, tolle Raumskulpturen, Bewohnerbefragungen, Graffiti, die sich mit augmented reality auf dem Handy bewegt, schwule Sexphantasien: all das bietet das „Z Common Ground“. … Aber genauso wichtig wie die Kunst waren die Leute, die sich am Eröffnungsabend durch die Gänge zwängten. Nicht bloß „Kunschtis“, nicht bloß die „art crowd“, sondern eine wilde Mischung, quer durch die Generationen und sozialen Schichten. Kunst kann eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe erfüllen: Raum zu schaffen für Begegnungen. Denn unsere Städte werden immer mehr zu „gated communities“, wo wir fast nur noch die treffen, die uns gleichen. München war hier in der Zschokkestraße eine diverse, chaotische, vor Leben sprudelnde Stadt. Als Ex-Berliner behaupte ich: München kann berlinerischer sein, als es die Hauptstadt mit stolzgeschwellter Brust von sich behauptet“

Die externen „Partymacher“ im Haus, die ja nicht zu eurem Stammteam gehörten (TAM TAM in der Skybar und „Common Ground“ im Keller) , sind alle vorzeitig raus. Warum? Gab es da Probleme?

Das muss man im Einzelnen anschauen. Die jungen Leute, die kurzzeitig den Keller als Gäste für private Veranstaltungen nutzen durften waren schlicht und einfach unprofessionell und unerfahren – es wurden essentielle Abmachungen nicht eingehalten (Einlasskontrolle, Lärmschutz, Vandalismusschutz), noch Tage nach der Veranstaltung lagen überall Scherben und Müll! Und zu unserem Ärger haben diese jungen Leute versucht, durch unseren Projektnamen „common ground“ PR zu machen – völlig ohne Absprache! Inzwischen können wir dazu aber ganz entspannt sagen: was juckt den Elefanten eine Fliege?

Die Zusammenarbeit mit TAM TAM lief im Grunde gut. Allerdings ist offenbar das Partygeschäft per se heikel (das ist jetzt meine persönliche Meinung, liegt aber in der Natur der Sache – man will laut und schmutzig dem Alltag eins auswischen). Finanziell lohnt sich das scheinbar erst dann, wenn Alkohol in Strömen fliesst und der Exzess bis in die Morgenstunden ausgedehnt wird – da sind irgendwann Schwierigkeiten mit Anwohnern vorprogrammiert, und ausgelassene Gäste haben sich immer mal wieder nachts in die unbewachte Ausstellung verirrt. Irgendwann war klar: der Aufwand, hier angemessen Kontrolle auszuüben übersteigt unsere Kapazitäten als Verein. Und für den Gastgeber der Bar kam logischerweise nicht in Frage, noch mehr Sicherheitspersonal einzusetzen.

Wo sind ansonsten Probleme während Ausstellungszeit und der Vorbereitungsphase aufgetreten?

Unser größter Feind war Personalmangel — und der Brandschutz… was hier an Zeit und Geld investiert werden musste, um die Auflagen zu erfüllen, konnte sich keiner von uns vorher vorstellen.
Auf jeder Etage permanent zwei Personen zur Überwachung (also im ganzen Haus immer 10 Leute!). Es mussten Kunstwerke komplett abgebaut werden wegen der Fluchtwege. Die Fluchtwegebezeichnungen und Einhaltung sämtlicher Auflagen haben uns sicher vier komplette Tage an Arbeit im ganzen Team gekostet. Irre! Und dann erlebt man Konzerte in alten Kirchen, Stadeln oder Schlössern, wo sich über 1.000 Menschen in einem Raum aufhalten, mit nur einer unbezeichneten „Flucht“-Tür… bei allem Verständnis für unser anerzogenes Sicherheitsbedürfnis, aber da denke ich mir schon, was soll dieser Krampf? Auf den Autobahnen rund um München beschleunigen die risikominimierten Bürger dieses Landes in ihrem Audi dann auf 200 km/h, weil das Ausdruck unserer marktwirtschaftlich optimierten „Freiheit“ ist …

Was hat dich positiv überrascht?


Dass so unglaublich viele geniale Künstler*innen (fast alle, die bei Z mitgemacht haben, sind professionell, leben also von der Kunst!) sich für das Projekt begeistert haben, auch obwohl klar war, dass es wegen der Vielzahl der Beteiligten kein angemessenes Honorar für die Arbeit geben kann.

Der Eintritt ins Haus war grundsätzlich kostenlos und beruhte auf Spendenbasis. Hat sich das Projekt für euch amortisiert? Kommt bei den Künstlern etwas aus den Erlösen an?

Wir haben hart diskutiert wegen der fehlenden Eintrittsgelder. Man muss sagen: der Eintritt auf Spendenbasis ist ein „Luxus“, der leider auf Kosten der Macher geht – so viel Förderung, um die fehlenden Eintrittsgelder wettzumachen, bekommt man kaum, denn die Spendenbereitschaft ist im Durchschnitt bei ca. 1,80 €. Wir hatten mit 3 bis 5€ kalkuliert, das ist eine schmerzhafte aber wichtige Erfahrung. Im Prinzip ist die Idee des freien Eintritts etwas wunderschönes und unsere Besucher haben das bestätigt. Aber Kunst ist nicht selbstverständlich und doch absolut lebensnotwendig. Genauso wie das Brot vom Bäcker. Dafür zahlt man auch ohne mit der Wimper zu zucken 3€.
Z common ground wurde etwa zu einem Drittel durch Fördermittel (Kulturreferat der Stadt München, Bezirksausschuss Laim, Bezirk Oberbayern) und Stiftungen und ansonsten durch großzügige Spenden von Privatpersonen, Spendeneinnahmen durch die Besucher, Sachsponsoring und Getränkeverkauf finanziert. Monetäres Sponsoring gab es erstaunlicherweise so gut wie gar nicht! Und ja, es wird auf jeden Fall bei den Künstlern auch finanziell am Ende etwas ankommen. Außerdem gibt es mit der „Alles muss rauZ“ Aktion am 7.7. die einmalige Möglichkeit, Kunst aus Z common ground zu erwerben!

Der „Verein zur Förderung Urbaner Kunst e.V.“ wurde anlässlich des Projekts in der Zschokkestraße gegründet. Wie geht’s weiter bei euch?

Erstmal brauchen wir alle dringend eine Pause, um Kraft für neue Projekte zu schöpfen.


In aller Kürze:

Was? Alles musz raus – Verkaufsausstellung Z common ground

Wann? Sonntag, 07. Juli, 12 – 18 Uhr

Wo? Zschokkestraße 36, München-Laim

Eintritt frei

Beteiligte Künstler*innen:

Il-Jin Atem Choi / Anna-Louise Bath / Peter Becker (Autopilot) / Gabi Blum / Gregory Borlein / Johannes Brechter / Flin / Sabine Franczuszki / Philipp Frank / Jürgen Drechsler / dreierrr / Miriam Ganser / Susi Gelb / Rafael Gerlach (SatOne) / Sebastian Giussani / Nicolai Gümbel / Michael Grudziecki / HNRX / Annegret Hoch / Klasse Oehlen / LAPIZ / Christian Leitna / Loomit / Sophia Mainka / Daniel Man / Nina Annabelle Märkl / Marius Menkel / Ray Moore / Matthias Mazal Mross / Lou JP Mußgnug Juliette Corvette / Judith Neunhaeuserer / Marco Reinhardt / Sophie Schmidt / Bernhard Springer / Susanne Thiemann / Lea Vajda / Magdalena Waller / Matt Wiegele / ZESER Art Concepts

Mehr Infos


Beitragsbild: © Michael Berninger (Aesthetika)

Bilder im Beitrag: © Christian Boehm (1,3) & Campus Viola Photography (2)

Weitere Fotos von der Ausstellung findest du auch hier und hier.

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus
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