Alain Thierstein im Profil
Aktuell, Münchenschau, Stadt

Aus unserem Podcast: Prof. Alain Thierstein über Raumentwicklung

MUNICH NEXT LEVEL - Der Mucbook Podcast

Dass die Wiesn 2020 ausfällt, findet er gar nicht mal so schlimm. Keine Selbstbeweihräucherung, kein „mia san mia“ dieses Jahr. Manche mögen’s vermissen, Alain Thierstein eher nicht. Der Professor für Raumentwicklung der TU München muss im Gespräch mit MUCBOOK nicht um klare Worte ringen, wenn das Gespräch auf Münchens weltbekanntes Massenbesäufnis kommt. Er spricht dabei vielmehr von einem „wunderbarem Geschenk“. Schließlich bieten Brüche mit Routinen immer Chancen zur Selbstreflexion und somit auch zur Entwicklung. Bevor jetzt gleich die Maßkrüge fliegen: es geht hier natürlich nicht darum, jemand den Spaß zu verderben, aber wenn die Absage des Fests schon mal unausweichlich ist, kann man ja durchaus überlegen, was das mit der Identität einer Stadt macht und wie sie damit umgeht.

Die Fragen der Zukunft

Und dabei sind wir eigentlich auch nur bei einem Randaspekt unserer neuen Folge von Munich Next Level, zu der wir Thierstein in unser Mucbook Clubhaus-Studio einluden und bei der es natürlich noch um viele weitere Themen geht. Nach Michael Ehret letzte Woche, der mit uns aus der Perspektive eines Projektentwicklers über gelungene Quartierentwicklung gesprochen hat, holen wir nun also die Stimme eines versierten Akademikers in unseren Podcast-Kosmos. An der Architektur-Fakultät der Technischen Universität München stellt sich Thierstein dabei im Grunde ganz ähnliche Fragen, wie wir in unserem Podcast: Wie kann sich eine Stadt (wie München) umbauen? Welche Praktiken funktionieren? Welche Beteiligungs- und Dialogformen müssen wir finden? Welche gesellschaftlichen Trends und Bedürfnisse beobachten wir? Und wieviel Risiko können oder müssen wir sogar dabei gehen?

Um nicht alleine mit Fragen um uns zu werfen – denn das machen wir ja schließlich schon im Podcast – wollen wir hier gleich ein paar Antworten, und Prognosen vorstellen, die wir erfahren haben. Denn klar: meistens sind es Prognosen, die man über die Zukunft stellt. Ein Raumforscher ist schließlich auch kein Hellseher betont Thierstein.

Dezentrale Stadt

Durch Corona bedingt erleben wir dabei schon heute ein wenig, was als Trend der Zukunft gilt: Großstädte werden „mehrpolig“, entwickeln viele Polyzentren und lösen sich dadurch von der enormen Innenstadtfixierung „Der daily urban space schrumpft dann auf sehr kleine Räume. Und diese kleinsten räumlichen Einheiten müssen lebensfähig, vielfältig und belastbar sein in solchen Krisen. Da diese Krisen zur Normalität werden, werden wir in zehn Jahren auch mehr solche dezentralen, qualitätsvollen Orte haben.“

An Beispielen wie Pasing, dem Werksviertel oder der Poccistraßen und dem Süd- und Nordring sehen wir solche kleinen Zentren im Entstehen. Sicher werden sie nicht die Sogkraft der unmittelbaren Innenstadt entwickeln, aber doch einen höheren Autarkheitsgrad und genuine Qualitäten ausbilden. Gleichzeitig ermöglicht der ÖPNV-Ausbau, dass diese neuen Subzentren viel besser und schneller erreichbar sein werden – auch von noch weiter außerhalb. Somit rückt in gewisser Weise auch das Umland noch näher an die Stadt heran.

Filialisierungsgrad der Innenstädte

Während die unmittelbaren Stadtzentren in den letzten Jahrzehnten im Grunde zu riesigen Einkaufszentren wurden, befindet sich der klassische Fußgängerzonen-Handel derzeit in der Identitätskrise. Online-Händler machen es oft billiger – Kunden bleiben aus, der Kostendruck steigt. Deshalb drängen globale Firmen und potente Player mit ihren Filialen in die zentralen Einkaufspassagen. Stadtplaner*innen sprechen dabei vom „Filialisierungsgrad“ der Innenstädte. Ist dieser zu hoch, besteht die Gefahr, dass sich Innenstädte im europa- oder weltweiten Vergleich immer ähnlicher werden und somit ihren charakteristischen Kern ein Stück weit verlieren.

Verzagen müsse der Einzel- und Fachhandel aber nicht, meint Thierstein. Gute und persönliche Beratung und die haptische Erfahrung des Produkts sei der Trumpf der alteingesessenen Kaufleute: „Die Beratung ist zentral, das kann ein Online-Händler eigentlich nie ersetzen.“ So liege es auch an den lokalen Händler*innen in ihrer Gesamtheit, Angebots- und Dienstleistungsketten bereitzustellen, die einzelne Händler*innen gar nicht alleine bieten können.

Reallabore als urbane Experimentierfelder

Die Funktion der klassischen Ladenflächen in den Innenstädten dürfte sich aber dennoch in vielen Fällen ändern. Filialen als 3-D-Showroom für neue Sneaker, die dann erst auf Bestellung individuell produziert werden? Denkbar. Zentrale Flächen in der Innenstadt als Experimentierfelder im Sinne eines „Reallabors“? Wünschenswert und wahrscheinlich, wenn es nach Thierstein geht.

Hier sind wir im Metier kontemporärer Wissenschaft angelangt und müssen vielleicht kurz übersetzen: Reallabore sind der Definition nach – im Gegensatz zu klassischen Verkaufsflächen oder Firmenbüros – Kooperationsräume zwischen Forschung, Handel und Zivilgesellschaft, bei der das gegenseitige Lernen in einem experimentellen Umfeld und die Innovation im Vordergrund steht. Gerade im Kontext nachhaltiger Fragestellungen haben sich Reallabore global als fruchtbares Konzept erwiesen. Thierstein sieht auch im transparent machen der wirtschaftlichen Wertschöpfungsketten ein Potential von solchen Reallaboren. Also die Frage danach, was da eigentlich reinkommt, was rauskommt und was zwischendrin so alles passiert: „Das Sichtbarmachen der Wertschöpfungsketten, das könnte sehr interessant sein.“

Den Raum für Experimente sollten zukünftige Reallabore dabei nützen: „Das (Experiment) ist der Kern von Reallaboren als Idee. Ich kann das Ergebnis nicht vorweg nehmen. Und da sind wir in unserer Vollkasko-Gesellschaft mit vollständiger Risikoaversion einfach noch nicht so weit, dass wir sagen: Das sind Räume, das sind Situationen und da versuchen wir das jetzt mal auszuprobieren. Aber das müssen wir ausprobieren.“ Oder um es nochmal eindringlicher zu zitieren: „Ohne Ausprobieren kommt die Zukunft nicht so wie wir es wollen.“ In diesem Sinne: Vielleicht ist ja auch das Wiesn-lose Jahr eine Art Reallabor für die Münchner*innen. Viel Spaß mit unserer neuen Folge.


Hier geht’s zur kompletten Folge:


Bild: © Günter Hartmann

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