Bilder der Ausstellung "Best Before End"
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Gesellschaftskritik To-Go Die Kunstausstellung „Best Before End“

Barbara Manhart

Seit dem 6. August zeigt der Kunstverein Positive Propaganda im temporary art(space) neue Kunstwerke. Im Gegensatz zur letzten Ausstellung handelt es sich dabei um eine Einzelausstellung, welche die Bilder des Künstlers Michael Jampolski zeigt. Jampolski, geboren in Aserbaidschan, hat in Moskau studiert, wohnt und arbeitet mittlerweile in Nürnberg. Seine Bilder sind in in einem realistischen Stil gehalten, detailreich und lebensnah. Beim Arbeiten trägt er Schicht um Schicht auf, bis er zufrieden mit dem Resultat ist. Seiner Meinung nach gehört technisches Verständnis und damit verbunden auch eine künstlerische Ausbildung dazu, wenn man Ambitionen hat in der Kunstszene etwas zu erreichen. Zwar gäbe es auch Autodidakten, aber diese stellen die Minderheit unter den Künstlern dar.

Kunstschaffen als Beruf: Fast unmöglich

Eine Minderheit sind unter den Kunstschaffenden auch diejenigen, die von ihrer Kunst leben können. Künstler zu sein bringt Unsicherheit mit sich, leider ist in Zeiten von Corona vor allem Zweiteres der Fall. Jampolski hat Glück. Er hatte im Jahr 2020 bereits zwei erfolgreiche Ausstellungen. Trotzdem arbeitet er neben seiner Tätigkeit als Maler in einem medizinischem Labor, nur für den Fall, dass ein Jahr mal nicht so gut läuft.

Corona: Verarbeitung durch Kunst

Dabei hat er auch mit der Pandemie zu tun. Vielleicht haben viele seiner Werke im Moment auch deshalb Corona zum Thema. Inspiration findet er im Alltag, in Form eines Gedankenblitzes, oder durch langes Nachdenken. Für ihn ist die Idee hinter dem Bild fast noch wichtiger als die Umsetzung. In einem Bild nimmt er Bezug auf das Motto der italienischen Bevölkerung in Zeiten der Krise: „Andra tutto bene“. Alles wird gut. Oder eine Dose mit Soba-Nudeln, daneben Bluttests, alles versammelt vor einem Bild des zerfallenden Kolosseums. Wer ganz genau hinschaut, findet auf der Soba-Verpackung anstatt des üblichen roten Punktes ein neues Detail: Ein Virus.

Eine ganze Farbpalette an Inhalten

Jampolskis Werke sind immer eines: sozialkritisch. Die Themen, die er kritisch in seinen Bildern betrachtet hingegen, sind vielfältig. In den allermeisten seiner Bilder findet man To-Go-Becher von großen Verkaufsketten, durch die er den übermäßigen Konsum der Menschheit kritisiert. Eine Rolle spielen neben Corona außerdem die Zerstörung der Natur oder die Unterdrückung von Frauen. Manchmal behandelt ein einzelnes Bild auch gleich mehrere Themen. Das Portrait einer Frau mit einer ägyptischen Haarspange weißt beispielsweise auf den grausamen Fakt hin, dass acht von zehn Ägypterinnen beschnitten werden. Gleichzeitig kritisiert er durch die Darstellung eines Bechers der Bäckerei Burckardt erneut den Konsum. Dieser ist in der Darstellung so gedreht, dass nur das „Burka“ von Burckardt zu sehen ist. Jampolski spielt damit auf die meist schwarze Verhüllung an, die gläubige Muslimas teilweise tragen.

Genauso wie manche seiner Bilder inhaltlich mehrere Ebenen haben, ist auch der Aufbau gegliedert. Der Hintergrund zeigt fast ausschließlich Portraits oder Bilder von alten Künstlern. Aufgemalte Risse durchziehen die Bilder. Sie sollen die Vergänglichkeit der gestrigen Schönheit sichtbar machen. Im Vordergrund dann Stillleben, meistens bestehend aus Plastik. Plastik, das ewig ist. Plastik das für Konsumkritik steht. Und schon schließt sich der Kreis von der Gestaltung zum Inhalt. Kaum zu glauben, dass bei so vielen Gedanken, die hinter einem Bild stecken, teilweise nur wenige Wochen bis zur Vollendung eines Werkes vergehen.

Das Rathaus als Rahmen

Die in Jampolskis Werken vorhandene Reflexion setzt sich auch darüber hinaus fort. Als es beispielsweise um die Rahmung der Gemälde ging, so berichtet Jampolski, habe er festgestellt, dass das Rathaus der beste Rahmen für seine Bilder sei. Es repräsentiere nicht nur den Gegensatz zwischen Alt und Neu, der Vergangenheit und Gegenwart, sondern sei auch ein Ort an dem Leute einfach so in die Ausstellung kämen. Gehen würden sie aber oft mit ganz neuen, häufig sozialkritischen Gedanken. Gedankenanstöße geben die Titel seiner Bilder. Diese sind wie schon in der letzten Ausstellung von positive Propaganda nicht direkt neben den Bildern zu finden, können aber durch das Scannen eines am Fenster zu findenden QR-Codes eingesehen werden. Eines der Gemälde heißt “Der Gral” und zeigt ein Glas Rotwein. Es stellt einen Bezug zur Legende des „Heiligen Grals“ aus der Artus-Sage her. Vor dem Glas Wein, liegt ein Handy. Damit stellt Jampolski den „Heiligen Gral“ unserer Zeit ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Das Handy.

Ein Bild, tausend Geschichten.

Ohne den Titel wären tausende Interpretationen bezüglich dieses Stilllebens möglich. Doch selbst mit dem Titel bleibt Vieles dem Betrachter überlassen. Spielt nicht auch Alkohol eine große Rolle in unserer Gesellschaft? Gibt es nur einen heiligen Gral oder sind es mehrere? Der Künstler sieht in dieser Vieldeutigkeit etwas durchweg Positives. „Jede Meinung ist gerecht. Wenn jemand etwas im Bild findet, heißt das es ist doch im Bild, abgesehen davon ob der Künstler das wollte, oder nicht“. Jede einzelne Person würde ja auch mit einer persönlichen Backstory in die Ausstellung kommen. „Genau das macht die Bilder noch reicher.“

Kritik äußern ist nicht gleich Umsetzen

Etwas, an dem Jampolskis Werke ebenfalls reich sind, ist die bereits erwähnte Kritik. Auf die Nachfrage, ob er sein Handeln auch nach dieser Kritik richten würde, erklärt er, dass das die Doppelmoral sei, in der wir Menschen uns ständig wiederfinden würden. Wir sind mit etwas nicht einverstanden, üben Kritik und tun es letztendlich doch auch selbst. Auch wenn er das Konsumverhalten der Menschen in seinen Bildern bemängle, kaufe er selbst nicht in dem Unverpackt-Laden seiner Heimatstadt ein. Es sei zu kompliziert und teuer. Trotzdem versucht er weniger Fleisch zu essen und auf das Autofahren zu verzichten. Kritik üben und entsprechend zu Handeln sind einfach zwei unterschiedliche Paar Schuhe.

Fakt ist auf jeden Fall, dass der Welt schon geholfen wäre, wenn sich auch nur die Hälfte der Menschen so viele Gedanken machen würde, wie Jampolski. Seine Werke, die noch bis zum 06. September in München ausgestellt werden, tragen ihren Teil dazu bei.


In aller Kürze:
Was? Gesellschaftskritische Kunstausstellung im Rathaus
Wann? Donnerstag, 06. August – Sonntag 06. September
Wo? Marienplatz 8, 80331 München
Mehr Infos findest du HIER.


Beitragsbild: © Positive Propaganda e.V.

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