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#gewaltistkeinekunst: De gFOTZERTen vs. Pick-Up-Artists

Sandra Langmann

Schon auf den Hashtag #gewaltistkeinekunst gestoßen? Ins Leben gerufen wurde er von De gFOTZErten. Einer Gruppe von Münchner*innen, die sich gegen Sexismus, Rassismus und Homophobie in unserer Stadt einsetzen. Ihre neueste Aktion richtet sich gegen das Flirtseminar von Matthias Pöhm, das am 28. und 29. Februar in München stattfinden soll.

Warum das den Aktivist*innen ein Dorn im Auge ist? Wir haben beide Seiten um ein Statement gebeten:

Flirten, bis die Polizei kommt

Wenn es mit der Liebe auf den ersten, zweiten, hundertsten Blick nicht so recht klappen will oder der Anmachspruch „Tat es weh, als du vom Himmel…“ gleich abgebrochen wird, führt das früher oder später zur Verzweiflung. Mal ein Flirtseminar ausprobieren? Why not?!

Aber wenn dort gelehrt wird, wie Frauen* bedrängt, von der „Gruppe getrennt“ oder gar als „Schnitzel“ bezeichnet werden, dann hat das freilich wenig mit einer Annäherung auf Augenhöhe zu tun, sondern mit Frauen*verachtung. So lauten die Vorwürfe an die Münchner „Pick-Up-Artist“-Szene und das Seminar „Männlich wirken – natürlich flirten“ von Coach Matthias Pöhm, gegen das De gFOTZERTen nun mobil machen.

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#gewaltistkeinekunst

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Die Pick-Ups

Wem der Begriff nichts sagt: Als „Pick-Up-Artists“ (PUA) werden Männer* bezeichnet, denen so gut wie jedes Mittel recht ist, um Frauen* ins Bett zu bekommen. Ausgeklügelte Strategien sowie die Wahl des richtigen Clubs mit entsprechenden „Aufrissfaktoren“ versprechen Erfolg. Wie das genau funktioniert, erfahren Teilnehmer am 28. und 29. Februar im Flirt-Seminar von Matthias Pöhm.

Der Rhetorik-Coach kann sich aber auf unsere Nachfrage den ganzen Rummel und Stunk nicht so ganz erklären. „Ich führe dieses Seminar bereits seit neun Jahren durch. Es ist das erste Mal, dass ich so einen Aufschrei erlebe. Die Feminist*innen mussten sich vielleicht durch irgendetwas wieder mal bemerkbar machen, ich weiß es nicht.“

Matthias Pöhm

Liegt es vielleicht daran, dass das Thema noch zu wenig öffentliche Präsenz genießt und keiner wirklich weiß, was bei den Flirt-Seminaren vor sich geht? Es ist übrigens nicht das aller erste Mal, dass man sich gegen die PUA-Szene zu wehren versucht. 2016 übten Politik und das Unternehmen BMW Kritik an einem Treffen der PUA-Szene, das in der BMW-Welt vereinbart war.

Es wird gfotzert

Aufmerksam wurden De gFOTZERTen darauf, als eine Aktivistin nach der Milchbar googelte und dabei auf eine Club-Liste stieß – wir haben über die Liste schon einmal berichtet. Darin werden 20 Münchner Clubs nach Aufreiss-Kriterien beurteilt und bewertet.
Dank schlechtem „Hotty-Faktor“ landete die Milchbar auf dem 19. und somit vorletzten Platz. „Im Milchbar gibt es einen mittleren Männerüberschuss von 86%. Das heisst: Da liegen 11 Schnitzel am Buffet, aber 20 Leute wollen Essen“ [sic!], heißt es auf Pöhms Website. „Schnitzel“ ist hier das Synonym für Frauen*.

„Solange es zum Beispiel Formulierungen im Bezug auf Flirten wie „Push and Pull“, „Freezing“ oder „Last Resistance“ gibt, […] solange Frauen* als „Schnitzel“ bezeichnet werden […], wird dies eine Haltung sein, die wir absolut nicht akzeptieren werden“, heißt es von Seiten De gFOTZERTen.

Angesprochen auf die Worte „Hotty-“ und „Zickenfaktor“ kann Matthias Pöhm nichts Verwerfliches erkennen. Jede Gruppe habe untereinander eine gewisse Kommunikation. „So eine Sprache haben Kinder untereinander […], Vorgesetzte über ihre untergebenen Mitarbeiter, […] Frauen* über Männer* und Männer* über Frauen*.  Wenn Männer* untereinander bezüglich Frauen* einen gewissen Slang benutzen, dann ist das für Männer* gedacht und nicht für Mäuschen spielende Frauen*. Wenn man in solchen harmlosen Worten gleich eine sexistische Frauenunterdrückung erkennen will, dann ist das einfach daneben.“

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…wählen nicht vergessen !

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Und wenn wir schon bei der Sprache sind: Auf seiner Website schrieb Pöhm nach den Vorwürfen der Aktivist*innen: „Eine Emanzengruppe hat sich mich als Feindbild ausgesucht.“ Auf Nachfrage, warum er gerade diesen verachtenden Ausdruck verwendet, lautete Pöhms Antwort:  „Ich habe auf Grund Ihrer Frage bei Wikipedia nachgeschaut, und jetzt dank Ihnen erkannt, dass das Wort „Emanze“ tatsächlich als Schimpfwort gebraucht wird. Das wußte ich nicht, das war auf keinen Fall meine Absicht.“ Daraufhin hat er das Wort ausgetauscht. Eigentlich habe er das Wort „Feministin“ gemeint. Matthias Pöhm dachte, „Emanze“ stünde für emanzipierte Frau.
Fast schwer zu glauben, dass sich ein Rhetorik-Coach der Wirkung der eigenen Sprache nicht bewusst ist.

Wann geht flirten zu weit?

Gegen die Kunst des Flirtens ist nichts einzuwenden. Darin sind sich beide Parteien einig. Und auch, dass ein Nein auch als solches zu akzeptieren ist. Doch kommt das bei den Seminarteilnehmern auch so an? Ist ihnen Bewusst, wo die Grenze beim „Schnitzel“ liegt? De gFOTZERTen stören sich aber nicht nur an der Wortwahl Pöhms, sondern auch, dass Frauen* in Clubs von Freund*innen „isoliert“ werden – wie es Pöhm auf seiner Website bezeichnet. „Es geht darum, einen geschützten Raum zu finden, der für beide romantisch genug ist, dass es zum Küssen kommen kann.  Das ist nun mal in einer unbeobachteten Ecke eines Raumes, an einem einsamen Strand […]“, sagt Pöhm. „Isoliert“ sei wieder nur ein weiteres Wort, das eben im Slang verwendet wird. Die Aufforderung zur sexuellen Nötigung sehe er darin nicht.

Für De gFOTZERTen wird eine Grenze ganz klar überschritten. Sie sehen eine systematische Unterwerfung der Frau*. Dass ein „Nein“ eben nicht akzeptiert wird. Wo Frauen* nach Punkten bewertet bzw. abgewertet werden, und wo Männer beim Flirten eine frauen*feindliche Flirtanleitung blind befolgen.

Matthias Pöhm findet, die Anschuldigungen gegen ihn seien an den Haaren herbei gezogen und er sehe auch keinen Sinn darin, die Aktivist*innen zu überzeugen. Mittels öffentlicher Aufmerksamkeit wollen diese Münchner*innen aber zum Umdenken bewegen. „Männer* sowie Frauen* sind geprägt davon, wie sie von klein auf von der Gesellschaft gesehen werden und wie sie vermeintlich zu sein haben. Und genau darin steckt sehr viel Ungleichheit. Das muss sich ändern.“

Unter #gewaltistkeinekunst rufen die Aktivist*innen zu einem breiten Bündnis und zu Ideen für Aktionen auf. „Wir wollen das Thema zu einem Thema des Öffentlichen Interesses machen.“


*„Das Sternchen soll zum Einen darauf hinweisen, dass Kategorien wie Mann* und Frau* konstruiert und eben nicht ’natürlich‘ sind. Zum Anderen öffnen sie den Raum für alle, die sich diesen zuordnen wollen“ (Degfotzerten).


Beitragsbilder: © Degfotzerten, Pöhm Seminarfactory

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