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Meine Halte: Holzapfelstraße – zwischen Spielsalon und europäischem Patentamt

Thomas Stöppler
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Zweieinhalb Wochen im Jahr ist die die Tramhaltestelle das Fegefeuer. Fünf Minuten dort auf die Tram zu warten reichen, um ein Sensibilisierungstraining gegen den Geruch von Kotze und abgestandenem Bier durchzustehen. Ist zwar die fünf Minuten echt doof, aber langfristig hilfts. Den Weg zur Hölle kann man wunderbar beobachten: Auf der schmalen Fußgängerbrücke des europäischen Patentamts, wo an den 347 anderen Tagen im Jahr Menschen semiprofessionelle Fotoshootings für ihre Instagramkanäle abhalten (warum eigentlich?), schieben sich die Massen von der Hackerbrücke hinunter auf die Schotterebene, die das größte Volksfest der Welt beherbergt. Wenn der Wind richtig steht, hört man den ein oder anderen Schlager von der Hackerbrücke herunterhallen, denn die Münchner Polizei ist beim Feiern ja gerne so halb mit dabei.

Frische Pasta und neue Nägel

Wenn der Wind falsch steht, dann gibt es Maische-Geruch von der Augustinerbrauerei. Das gilt nicht nur für die zweieinhalb Wochen Wiesn. Aber dennoch gibt es keine Haltestelle, die ich lieber mag. Das liegt nicht an der hässlichen Landsberger-Straße mit den teils auffallend hässlichen Neubauten, sondern an den kleinen Läden und Betrieben: da ist zum Beispiel der Spielsalon an der Ecke zur Hackerbrücke: Wenn die gut bezahlten, hart arbeitenden Menschen im europäischen Patentamt aus dem Fenster schauen, können sie sehen, wie Menschen dort ihr ganzes Leben verspielen.

Oder das Augustiner an der Ecke zur Holzapfelstraße: Dort gibt es traditionelle Massenabfertigung: Schweinsbraten und Hendl mit Bier aus dem Holzfass zubereitet und serviert von osteuropäischen Saisonarbeitern, die sich morgens in Lederhosen zwingen, um Abends mit wenig Trinkgeld nach Hause zu gehen. Abends stehen Trauben von Touristen aus dem Umland davor, selten nüchtern, selten schön. Ein bisschen wie ein kleines Oktoberfest – nur ohne Knutschen.

Architekturbüros und Revolution

Keine Trauben stehen vor dem kleinen italienischen Lokal 50 Meter weiter zwischen einem Nagelsalon und Tippico-Sportwetten. Jeden Tag hausgemachte, gefüllte Pasta und einen schnellen Espresso. Das ist trotz der humanen Preise eher nichts für die Umlandtouristen, sondern mehr etwas für die vielen Mitarbeiter der Architekturbüros, die sich im Westend breitgemacht haben.

Die finden sich natürlich nicht direkt an der Landsberger-Straße, sondern ein paar Meter weiter. Da kommt der Zeitungsladen von der Toni, die alle kennen und die alle kennt, und dann „Donna Mobile“, ein Verein, der Migrantinnen Kurse zur Gesundheitsprävention und Fortbildung anbietet, und dann die Münchner Zentrale der Marxistisch-Leninistischen-Partei-Deutschlands – da ist ganz nebenbei immer überraschend viel los, aber die Revolution erfordert halt auch viel Arbeit.

Zwischen den Galerien und den erwähnten Architekturbüros, den Boazn (teilweise wirklich gruselig – siehe Schweizer Haus) und den Fine-Dining-Restaurants wie dem Marais Soir und dem L’adresse 37 arbeitet das Westend auch sonst viel an der Revolution: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Parteibüro der Linken und das Haus mit der roten Fahne. An ganz wenigen Orten fühlt sich München so urban an wie dort am nördlichen Eingang zur Schwanthaler Höhe: Einkommen und Mieten schwanken brutal, Alteingesessene, junge Hipster und Familien sind gleichmäßig vertreten und ein ständiges Sprachenmischmasch. Das schöne dabei ist: Das ist nicht irgendwie „ein kleines Stück Berlin“ oder so sondern eigentlich sehr münchnerisch.

1Comment
  • Anne
    Posted at 10:37h, 04 August

    Sehr lesenswerte, präzise, natürlich subjektive Analyse. Sonst finde ich diese Reihe (meine Halte) auch schon immer ganz nett, aber dieser Beitrag ist sehr gut beobachtet.

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