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Mit Taxler Frank Schmolke nachts unterwegs in München

Ilona Gerdom

Schreibt gerne Geschichten - eigentlich zu allem und jedem.
Ilona Gerdom

München: Das größte Dorf der Welt. München: Großstadt mit Herz. Griabig. Gmiatlich. A bissal Schickeria. Und so weiter und so weiter.

Aber – du wirst es kaum glauben – München glänzt nicht immer. Gerade nachts und ganz besonders zur Wiesn tun sich Abgründe auf, in die man lieber nicht geblickt hätte.

Taxler seit über 20 Jahren

Einer, der davon viel zu erzählen weiß, ist Frank Schmolke. Seit mehr als 20 Jahren fährt er Taxi in München. Über das, was er in seinem Job erlebt hat, hat er die Graphic Novel „Nachts im Paradies“ geschrieben und gezeichnet.

Ich habe den freiberuflichen Illustrator zum Gespräch getroffen. Ein bisschen hat es sich angefühlt wie eine Taxifahrt. Von seinem zweiten Buch, über München und die Leute hier bis hin zu Franks Leben, haben wir wohl alle Taxistände angefahren.

Ein bisschen Abenteuer muss sein

Jeans, schwarzes Hemd, schwarze Jacke und Turnschuhe: Frank sieht aus wie ein bodenständiger Mensch. Dazu passt, was er erzählt. Angefangen mit dem Taxifahren habe er in den 90ern, während er auf eine Umschulung zum technischen Zeichner wartete. Mittlerweile ist er nicht mehr viel mit dem Taxi unterwegs. „Ich fahr jetzt nur noch, wenn die Heizkostennachzahlung kommt„, lacht er. Ernst gemeint ist es trotzdem.

Sein Geld verdient er jetzt mit dem, was ihm Spaß macht – als freiberuflicher Illustrator. Nicht, dass das Taxifahren ihm nicht gefallen hätte. Es sei eine intensive Zeit gewesen. Viel Freiheit habe er gehabt. Er sagt: „Weißt, man hat immer irgendwie Geld gehabt. Irgendwie ist es ja auch ein Abenteuer.“ Aber er habe immer gewusst, dass er da nicht hängen bleiben will. Nicht nur bodenständig – auch zielstrebig.

Einen guten Freund an der Seite

So etwa vor zehn Jahren hat er angefangen, aus dem, was er im Taxi erlebt hat, kleine Comics und Sketche zu zeichnen. Dafür hatte er immer sein Skizzenbuch auf dem Beifahrersitz. Er spricht liebevoll über das Zeichenbuch, wie über einen alten Freund. Und ein bisschen ist es ja auch so. Ganz allein säße man da in diesem kleinen Auto und müsse jeden mitnehmen. Einen treuen Begleiter an der Seite zu haben, schadet nicht.

Da passieren Sachen, die glaubt dir keiner„, sagt er. Schwer zu glauben ist es wirklich, dass viele der Episoden in seinem neuen Buch auf realen Erlebnissen beruhen. Im Buch zum Beispiel schlägt ein zwielichtiger Fahrgast, der sich als Zuhälter herausstellt, dem Taxler Vincent einen Deal vor. Er solle seine „Mädchen“ fahren und auf sie aufpassen. Dass sei ihm wirklich passiert, sagt Frank. Er hat das Angebot allerdings abgelehnt. „Das ist so eine Welt, in die man sich besser nicht reinziehen lässt.“

Du musst jeden mitnehmen

Meistens seien die Fahrgäste nett, zumindest okay. Aber manchmal komme es eben schon vor, dass da eine Gruppe auf das Auto zusteuert „und du dir nur denkst: Bitte nicht.“ Aber es helfe ja nichts. Für Taxis gilt Beförderungspflicht. Sie müssen jeden mitnehmen. „Außergewöhnliche, Nette, Psychopathen und komplette Arschlöcher – sag ich jetzt mal.“

Und was macht man dann, wenn man unangenehme Leute im Auto hat? „Klar machen, dass du nicht irgendein Depp bist.“ Er habe nie Pfefferspray oder ähnliches dabei gehabt. „Ich hatte einen fiesen Blick. Hab dann einfach bös‘ g’schaut.“

Dazu kommt, dass Frank seinen Standpunkt meist recht deutlich macht. Man glaubt ihm, dass er in seinem Auto selten Probleme hatte.

Die Taxler und die Wiesn – eine Hassliebe

Außerdem sei München ja nicht Berlin. „Wann München krass ist, ist zur Wiesn. Das gibt’s nirgends auf der Welt.“ Die Wiesn ist für Taxler eine unangenehme, aber lukrative Angelegenheit. Einerseits kann man viel Umsatz machen. Andererseits sind fast alle betrunken. Die Gefahr, dass jemand handgreiflich wird oder sich im Taxi übergibt, ist sehr hoch. In „Nachts im Paradies“ zeichnet Frank die Wiesnbesucher als Zombies. Sie torkeln benommen durch die Straßen und stürzen sich zu Hunderten auf ein einziges Taxi.

Viel von dem, was Frank schildert, ist ihm 2014 passiert. Da ist er nach langer Zeit mal wieder gefahren. Das sei schwierig gewesen. Die ganze Stadt habe sich verändert. „Du fängst irgendwie wieder von vorne an“, sagt er. Nicht nur die Stadt hat sich verändert. Auch das Gehalt sei ein anderes. Früher hätte man als Taxifahrer 40 Prozent des Umsatzes abgeben müssen, heute dagegen seien es 55 bis 60 Prozent. Und dann noch die Konkurrenzunternehmen, die weniger Auflagen bekommen als Taxler. Oder wie Frank sagt: „Wir dürfen eigentlich gar nichts und Uber darf alles.“ Objektiv betrachtet sehe es düster aus für das Gewerbe, sagt Frank. So habe er auch sein Buch enden lassen. Es sei das Ende einer Ära.

Die Glitzerstadt verändert sich, man selbst wird älter

Aber auch Frank ist heute anders als in den 90ern. Der gebürtige Münchner lebt mittlerweile mit seiner Familie in Indersdorf. Anfangs habe er zurück gewollt, hatte Heimweh nach der Stadt. Heute fühlt er sich wohl. Hat sein eigenes Atelier. Er sei eben einfach älter geworden, sagt er. Nüchtern, ganz ohne Selbstmitleid. Wieder diese Bodenständigkeit a lá „Kann man halt nicht ändern“.

Was das Taxifahren angeht, sagt Frank: „Ich schmeiß mich da in so ein Leben rein, das ich mal gelebt habe.“

Auch für Frank Schmolke geht mit seinem Buch eine Ära zu Ende. Warum er es geschrieben hat? „Ich wollte aus meiner Welt erzählen. Abseits der Glitzerstadt.


Nachts im Paradies“ von Frank Schmolke ist im Edition Moderne Verlag erschienen. Dein eigenes Exemplar bekommst du für 24 Euro hier.


Außerdem ist am Donnerstag, 20. Juni, um 19 Uhr die Vernissage des Buches im Köşk im Westend. Frank wird erzählen, wie aus ein paar Anekdoten ein Buch mit gut 360 Seiten entstanden ist. Daneben gibt es im Köşk eine Ausstellung zum Buch. Dort siehst du sein Skizzenbuch, die ersten Entwürfe auf großen DIN-A3-Bögen und noch ein paar „Spezialitäten“, wie Frank sagt.


Fotos/Illustrationen: © Frank Schmolke

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