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Unterwegs in der Kapsel: Dieser Künstler zog 7 Tage auf engstem Raum durch die Straßen

Benjamin Brown

Benjamin Brown

Und irgendwie lande ich dann doch immer wieder in München…
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Benjamin Brown

Am Anfang war der Wagen, ein Holzbrett auf Rädern. Dazu kam aussortiertes Theatermaterial, alte Kletterseile und Sperrmüll: Über zwei Monate werkelte Swimmi (der eigentlich anders heißt, hier aber unerkannt bleiben möchte) an der Kapsel herum, die für sein Experiment zu seinem vorübergehenden Zuhause werden sollte.

Swimmi, der in München studiert, wollte „Freiraum in München und eine öffentliche Konstruktion“ schaffen, wie er selber sagt. Mit der Räumung der „Obdachlosencamps“ unter der Reichenbachbrücke kam der Gedanke, die Kunstaktion als „Rettungskapsel“ aufzuziehen, als „geschützte Hülle in der Stadt“, die aufzeigen soll, dass ein Leben in Würde auch auf engem Raum möglich sein kann.

Unterschiedliche Viertel, unterschiedliche Eindrücke

Eine Woche lang ist Swimmi mit seiner Kapsel durch die Stadt gezogen. Ohne festen Plan, ohne Absichten, welche Plätze er aufsuchen und wo er schlafen wollte. „Ich lasse mich von der Stadt leiten, von manchen Orten werde ich angezogen, von anderen abgestoßen“, erzählt er.

Dennoch war er nicht ganz frei, was die Auswahl seiner Schlafplätze anging: Als er seine mobile Wohnung vor dem „The Seven“-Wohnturm abstellen wollte, wurde er schnell vom Sicherheitsdienst verscheucht.

Um an neue Orte zu kommen, muss Swimmi seine Kapsel an Seilen durch die Stadt ziehen – eine Aufgabe, die alleine kaum machbar ist. „Ich fordere Reaktion und Interaktion heraus“, sagt Swimmi. Insofern sei es passend – zumindest beim Transport – auf andere angewiesen zu sein.

Swimmis Reise durch die Stadt begann im Arnulfpark, führte über die Theresienwiese zur Sonnenstraße. Die Reaktionen auf sein Projekt seien meist positiv gewesen, variierten aber doch stark nach Stadtteil. „Als ich in der Sonnenstraße war, wurde ich kaum wahrgenommen. Da sind alle viel zu konzentriert auf ihren Alltag und nehmen mich gar nicht wahr“.

Er selber habe allerdings die Zeit gehabt, Orte und Menschen wahrzunehmen und die Stadt erstmals „wirklich zu erleben“. Er skizziert die Orte, an denen er schläft und fasst seine Eindrücke zusammen.

Mut zur Reduktion

Von der Sonnenstraße ging es weiter zur Wittelsbacher Brücke, ein Ort der aufgrund der Räumung von Obdachlosencamps unter Münchner Brücken „besonders aufgeladen“ gewesen sei. Auf dem Weg zum „Ziel“, einer Food-Sharing-Party im Kreativquartier, machte er noch Halt in einem Park an der Schrenkstraße im Westend.

Eine Frage, die ihn stets begleitete, war die, wie wir als Gesellschaft zusammenleben und uns organisieren wollen und wie viel Platz wir wirklich brauchen: „Ich lebe aktuell auf zwei Quadratmetern und wünsche mir einen Mut zur Reduktion“.

Obwohl Swimmi ohne Plan und große Erwartungen in sein Projekt startete, war er dennoch überrascht, wie sich seine Einstellungen zum Thema Wohnen und Obdachlosigkeit veränderten.

Er habe gemerkt, wie auch eine „Rettungskapsel“ (oder Iglus, wie die CSU-Stadtratsfraktion vorgeschlagen hatte) letztendlich nicht als universelle Lösung für Obdachlose gelten könne – dafür seien die Bedürfnisse schlichtweg zu unterschiedlich.


Fotos: © Max Emrich

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