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Vision trifft Realität: Wo die Quartierswende ins Stocken gerät

In der Parkstraße im Münchner Westen blüht es. Nur zwischen den Hausnummern 16 – 19, aber es blüht. Hübsch sehen sie aus, die aufwändigen Blumenkästen, die nun dort stehen, wo sonst Autos parken.

Aber war nicht im Februar noch von etwas viel größerem die Rede? Die Münchner Initiative Nachhaltigkeit (MIN) wollte eigentlich einen Abschnitt der Schießstättstraße nach dem Vorbild eines Superblocks gestalten. Ursprünglich geplant waren dafür Sitzgelegenheiten und verkehrsberuhigte Grünflächen. Euphorisch wurde auch im Gespräch mit Mucbook angekündigt, den Bereich umgrenzt von Schwanthaler-, Schießstätt-, Kazmair- und Ganghoferstraße, bis zum Frühsommer 2022 in einen Superblock zu verwandeln, nach dem Vorbild Barcelonas.

Solche Vorhaben klingen immer sehr interessant, aber eine gewisse Unwahrscheinlichkeit schwingt jeweils mit. Und die entgegengebrachte Skepsis bestätig sich leider aktuell: Nicht selten fallen solche Quartierswende-Projekte deutlich kleiner aus als angekündigt, da ist die Parkstraße kein Einzelfall. Aber was passiert da, von der Ankündigung mit großzügigen Visualisierungen, bis zur tatsächlichen Umsetzung in den Vierteln? Versinken sie im Behördensumpf? Nehmen die Initiativen bei der Ankündigung den Mund zu voll oder scheitert es, wie so oft, auch an den harten Mauern bayerischer Gesetze?

Wir haben uns das an zwei Beispielen genauer angeschaut:

Eine Spurensuche

In Barcelona gibt es diese sogenannten Superblocks bereits, also verkehrsberuhigte Areale wo bis zu 9 Häuserblocks zusammengefasst werden. Sie emröglichen den Bewohner*innen Freiraum. Aber wieso sind uns die Spanier*innen da so weit voraus? “Die Superblocks in Barcelona wurden von der Stadtverwaltung initiiert und konnten deshalb schneller und konsequenter umgesetzt werden. Der Weg von oben nach unten ist viel schneller. Eine Beantragung von Bürgerseite erfordert wesentlich mehr Zeit”, sagt Sylvia Hladky, Leiterin der Manufaktur 2 Mobilität und Verkehr der MIN.

Außerdem sind die Projekte in München häufig nur temporärer Natur, das nennt sich dann “Pilotprojekt”. Aber warum eigentlich? Langfristige Vorhaben hätten laut Hladky eine sehr lange Vorlaufzeit und seien deshalb für Experimente nicht geeignet. “Unsere Vorschläge, beispielsweise eine größere Anzahl von Parkplätze in Grünflächen umzuwidmen, müssten von der Politik kommen, dann wären sie auch von Dauer. Die Politik hat aber noch nicht den Mut, größere Veränderungen im Straßenraum anzuordnen. Deshalb müssen wir als Initiativen mit Experimenten zeigen, dass Veränderungen den Stadtraum positiv beeinflussen können. Wenn wir dann auf Zustimmung stoßen, folgt manchmal die Politik mit einer dauerhaften Umsetzung”, erklärt Hladky hoffnungsvoll.

München ist nicht Barcelona

“Die Baustelle in der Schießstättstraße hat unser dort geplantes Projekt verhindert. Die Verkleinerung des aktuellen Projektes hat unter anderem mit der Straßenverkehrsordnung zu tun, die die Flüssigkeit und Leichtigkeit des Verkehrs in den Mittelpunkt stellt. Dies muss in der nächsten Legislaturperiode des Bundestages dergestalt geändert werden, dass Aspekte des Klima- und Gesundheitsschutzes aufgenommen werden.”

Dicke Brocken also, die da im Weg standen und auch sonst ist der organisatorische Aufwand alles andere als klein: “Wir haben gelernt, dass für unser Projekt ein zusätzlicher Beschluss des Stadtrats notwendig gewesen wäre. Das wusste auch der Stadtrat nicht.” Ansonsten müsse man, so Hladky, eine Menge Anträge ausfüllen, Skizzen erstellen, und die Zustimmung von Anwohner*innen einholen.” Sie wünscht sich deshalb: “Es sollte eine Standardisierung der Anträge und damit eine Beschleunigung des Verfahrens erfolgen.”

In kleinen Schritten zum Superblock

Wie realistisch ist denn nun nach diesem ersten Rückschlag die Umsetzung eines Superblocks im kommenden Jahr? Das Projekt Westend-Kiez sei längerfristig angelegt, die erste Stufe bestand aus mehreren Beteiligungen der Bürger*innen. Nun umfasse die zweite Stufe Teilprojekte, so Hladky.

Zur Zukunft des Superblocks 2022 äußert sie sich nun deutlich zögerlicher als noch im Februar diesen Jahres: “Der Bezirksausschuss steht dem Antrag sehr positiv gegenüber und die Anwohner*innen waren ebenfalls erfreut. Wir sind bereits in Gesprächen mit der Verwaltung, um möglichst viel Vorlauf für die Beantragung zu haben. Ich bin ganz optimistisch, dass wir nächstes Jahr in der Schießstättstraße weitermachen können.”

Eine kleine Errungenschaft hat die MIN dann doch jüngst zu verzeichnen: Das Projekt in der Parkstraße ist nun bis zum 30.09.2021 verlängert worden. Danach werden die geliehenen Bäume an die Gärtnerei zurückgegeben. Einige Anwohner*innen hätten bereits angefragt, ob es möglich sei, die Pflanzen im Anschluss zu bekommen. Zum Teil ist jedoch geplant, die Pflanzen an Green City weiterzugeben.

Die gleichen Gründe in grün?

Auch die Münchner Initiative Green City e. V. hat den ökologischen Wandel des Münchner Lebensraums zum Ziel. Und auch hier scheint es, dass Projekte oftmals größer angekündigt werden, als es später in der Ausführung geschieht. Projektleiterin, Christina Pirner meint jedoch: mit Absicht. Ihr Verein sehe sich in der Vermittlerrolle zwischen Bürger*innen, Verwaltung und Bezirksausschuss. In der ersten Idee würden vor allem Wünsche formuliert und dann kristallisiere sich heraus, “was möglich und sinnvoll ist”.

Vor allem bei dem dreiteiligen Projekt “Quatierswende” im Lehel, sei sie dann aber doch überrascht gewesen, “dass es so klein wurde, weil wir uns schon erhofft hatten, ein bisschen größere Piloten ausprobieren zu können.”

Vor allem das Teilprojekt “Mariannenplatz macht Platz”, das am Dienstag, 14.09. startet, ist nun “kleiner ausgefallen als die ursprüngliche Idee und das ist natürlich schon ein bisschen schade.” Im Gegensatz zu den beiden anderen Projekten, hätte dieses den öffentlichen Verkehrsraum betroffen – ein Thema, das polarisiert und Probleme bereithält. Pirners Fazit dazu lautet: “Es ist natürlich Sinn der Sache, dass wir im Austausch sind und nichts beantragen, was eh nicht funktioniert. Aber trotzdem hätten wir uns ein bisschen mehr Mut zum Ausprobieren gewünscht.”

Die konkreten Vorgänge, die dazu führen, seien laut Pirner kaum allgemein zu benennen. Dem Wunsch ihrer Mitstreiterin der MIN nach einheitlichen Formularen stimmt sie jedenfalls zu und lacht: “Das fände glaub ich jeder oder jede gut, der oder die schon einmal so etwas in der Richtung gemacht hat. Aber man merkt auch Fortschritte, es gibt jetzt zum Beispiel schon Formulare für Hochbeete im öffentlichen Raum.” Allerdings seien da noch viele Aktionen, die noch nicht ins Schema passen. “Und wenn es dann heißt, es gebe noch keinen Vorgang, wäre es natürlich super, wenn man einen Vorgang dafür schafft.” Noch liefe vieles über baurechtliche Sondernutzungen.

Wir halten also fest: Es ist kein Kampf gegen Windmühlen, aber dennoch ein Kampf. Ob es wirklich bald schon erste verkehrsberuhigte Superblocks auch in München geben wird, bleibt offen und wir bleiben dran.


Beitragsbild: Leila Herrmann

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