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Bierabweisende Sneaker? Spaghetti mit Obazda-Soße? – Das sind die Highlights des Wiesn-Marketings

Das Oktoberfest ist mehr als nur ein großes, überteuertes Volksfest. Genauso wie das Coachella mehr ist, als nur ein großes, überteuertes Festival. Laut Berechnungen des Münchner Referats für Arbeit und Wirtschaft erzielte das letzte Oktoberfest einen Wirtschaftswert von gut einer Milliarde Euro. Davon wurden 349 Millionen Euro direkt auf der Theresienwiese ausgegeben.

Aber so wie das Coachella nicht nur in Palm Springs, sondern auch in weltweiten H&M-Filialen stattfindet, findet natürlich auch die Wiesn abseits der Theresienwiese statt. Stichwort: Marketing. Und das funktioniert ganz einfach: Man nehme ein beliebiges Produkt – wirklich beliebig. Ob Gurke oder Shampoo, ganz egal. Präsentiere das Produkt deiner Wahl auf wahlweise blauem oder rosa Karomuster. Streue wild Brezn und Edelweiß darüber. Und zu guter Letzt:  Ergänze den Produktnamen um „Wies´n“ (so richtig schön hässlich mit einem Akut statt einem Apostroph) oder „Oktoberfest Edition“. Fertig!

Während Restdeutschland sich das ganze Jahr über unseren Dialekt und unsere Tracht lustig macht, um nicht zu sagen drüber spottet, möchten für zwei Wochen im September plötzlich alle mitmachen. Plastikdirndl vom Discounter oder vom Hauptbahnhof sind gefragt wie nie und bayrisch spricht plötzlich auch ein jeder – oder denkt zumindest, dass die Neologismen, die da so von sich gegeben werden, Bayrisch wären.

Der Die Das Wiesn

Ja, wo gehma denn jetzt hin? Auf den „Wies´n“? Oder doch lieber zum Oidi? Angesichts dieser Vergewaltigung der Bayrischen Sprache würde ich am liebsten in ein Eck stehen und weinen. Ich selbst spreche kein Bayrisch. Man merkt in München zwar, dass ich „vom Land“ komme, auf dem Land jedoch, in meinem oberpfälzischen Heimatkaff, werde ich für meinen anscheinend zu schwach ausgeprägten Dialekt aufgezogen.

Aldi-Oidi-Oktoberfest-Wiesn-TrachtAber Bayrisch kann und sollte man einfach nicht erzwingen – selbst ich als Bayerin nicht. Hört sich einfach lächerlich an. Das, und das Fehlen von grammatikalischem Grundwissen, hält die bundesweiten Marketingabteilungen jedoch nicht davon ab, zum Oktoberfest auf bayrisch zu werben. Wie gut das klappt, zeigt uns Aldi:

„Des Scheene an der Wiesn: Ma hod man Grund mehr, si zu vakleidlen.“ Was? Endlich wieder Fasching in München? Naja, bei einer Sache muss man „Oidi“ lassen: Was hier so durch die Stadt läuft, hat tatsächlich mehr mit Vakleidelung.. äh, Verkleidung, zutun, als mit Tracht.

Wenigstens eine Sache wurde hier ausnahmsweise richtig gemacht: Der Artikel. Liebe Marketingabteilungen, liebe Touristen, es heißt die Wiesn, von die (Theresien-)Wiese. Und deshalb geht man auch auf die Wiesn und nicht auf den Wiesn. Man legt sich im Freibad ja auch auf die Wiese, nicht auf den oder das Wiese. Wie um alles in der Welt kann man das falsch machen?

Das Schmankerl-Business boomt

Bei den Discountern gibt es aber nicht nur günstige Plastiktracht, sondern auch eine günstige, kulinarische Expedition in die bayrische Küche. Für alle, die es nicht nach Bayern schaffen. Wies´n-Gurken, Wies´n-Salami, Wies´n-Eisbeinfleisch. Und das „Schmankerl“ nicht vergessen! Auch Restaurants bieten Wiesn-Specials: Vom Obazda-Burger im heimischen Burger House bis zur Bayrischen Woche bei Spreegold im fernen Berlin. Da gibt es dann Spaghetti mit Obazda-Soße und gebratenen Weißwurst-Stückchen. Kein Witz. Dazu Allgäuer Büble. So schlimm das erstmal klingt, im Nachhinein bereue ich es fast, die Spaghetti nicht probiert zu haben. Was einzeln gut schmeckt, kann vermischt ja gar nicht so schlecht sein, auch wenn es mit traditionell bayrischer Küche absolut goa nix zu tun hat.

Auch keinerlei Wiesn-Bezug, aber trotzdem jedes Jahr wieder mit einer neuen Werbung dabei: Kinderriegel!

Hilfe, kulturelle Aneignung, Hilfe! 

Aber kommen wir zurück zu den Verkleidungen und damit dem wichtigsten: dem perfekten Wiesn-Auftritt. Und es gibt eine Menge Produkte, die den garantieren sollen. Tracht gibt es jetzt also, wie bereits erwähnt, für wenig Geld bei Aldi, Tchibo und Co. Wer aber aus dem Ausland kommt und noch nichts von hiesigen Discountern oder Hauptbahnhof-Ständen gehört hat, der landet natürlich wo? Richtig, auf Amazon oder im Online-Kostümhandel. Unter „Octoberfest Costume“ oder „Dirndl Costume“ gibt es dann alle erdenklichen Dirndl-Interpretationen, vom sexy Hausmädchen bis zur Piratenbraut. Hauptsache Polyester. Und kurz muss es sein.

Einmal ein fesches Madl sein – davon träumt auch der ein oder andere Mann und entledigt sich im Suff der Ketten der Gender-Normen: Plastikdirndl, eine blonde Perücke mit zwei geflochtenen Zöpfen und natürlich ordentlich Holz vor der Hüttn. Ob Luftballons oder Getränke-Hupen“, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Alles, was man sonst noch nicht braucht

Zum perfekten Wiesn-Auftritt gehört natürlich weit mehr als das perfekte Outfit. Perfekt manikürte Wiesn-Fingernägel für die Maßkrug-Nahaufnahmen auf Instagram, zum Beispiel. Die perfekte Flechtfrisur (O’zopft is!), ermöglicht durch die Verwendung bestimmter Haarpflegereihen. Oder der perfekte Wiesn-Body – trotz Wiesn – dank spezieller Wiesn-Workouts, angeboten in zahlreichen Fitnessstudios. Und ganz wichtig danach: die perfekt gedetoxte Darmflora, gegeben durch verschiedene After-Wiesn Saftkuren oder Green Smoothies wie den „Hangover Cure“ – zugegebenermaßen auch abseits der Wiesn mein Favorit. Und auch Adidas, die es, wie man meinen sollte, doch gar nicht nötig hätten sich auch noch ein Stück vom Wiesnmarketing-Kuchen erkämpfen zu müssen, steuern einen eigenes kreierten Oktoberfest-Sneaker bei. Der „München Made in Germany“ ist, passend zur Lederhose, aus blauem Leder. An der Ferse finden sich kleine, bayrisch anmutende Stickereien. Über den ikonischen drei Streifen steht klein „Prost“ geschrieben. Außerdem soll der Sneaker sogar Bier abweisen. Und falls nicht, dann gibt es ja immer noch die Wiesn-Versicherung „WiesnSchutz“ der Bayrischen Beamten Versicherung AG. Ab 5,99 Euro kann man sich dort tageweise für Unfälle unter Alkoholeinfluss versichern lassen.

Geliebte Deutsche Leitkultur

Und auch in der Politik wird das Oktoberfest mit all seinem Traditionsreichtum für Propaganda-Zwecke missbraucht. Denn was „in der ganzen Welt geliebt, verehrt und nachgeahmt wird, kann nicht schlecht sein“, denkt sich zum Beispiel auch Daniel Schneider, AfD-Listenkandidat in Sachsen-Anhalt, und ruft mit Wahlplakaten auf, die deutsche Tradition zu wahren. Auf dem Plakat: Eine Dame bzw. das prall gefüllte Dekolleté einer Dame im Dirndl. In der einen Hand ein Maßkrug, in der anderen eine Brezn. Gut, das Polyester-Dirndl mit Reißverschluss ist vermutlich vom Oidi. Und gut, Dirndl, Bier und Brezn sind eher bayrische als deutsche Tradition. Aber wenn Titten und Saufgelage in Gefahr schweben, dann vereint sich das Volk gegen den vermeintlichen Feind der Deutschen Leitkultur!

Eine ausführliche Beschreibung der auf der Wiesn ausgelebten Deutschen Leitkultur findet ihr übrigens in all ihrer Pracht täglich im Wiesn-Report der Münchner Polizei. Sexuelle Belästigung, Hitler-Grüße, Schlägereien und Diebstähle stehen dort an der Tagesordnung. Na, wenn das einen nicht mit Stolz erfüllt.

Aber das Oktoberfest geht ja sowieso den Bach runter. Zumindest wenn man der AfD glaubt, die pünktlich zum Anstich-Samstag dieses Bild beisteuerten. Und mit pünktlich meine ich pünktlich. Nämlich pünktlich um 9 Uhr morgens. Bei strömendem Regen. Wo nur die ganzen Menschenmassen sind?

Zugegeben, nach den Anschlägen von Paris im November 2015 ging die Besucherzahl 2016 auf 5,6 Millionen zurück – 300 000 weniger als im Vorjahr und über eine Millionen weniger als noch im Jahr 2011 mit ganzen 6,9 Millionen Besuchern. (Quelle: Oktoberfest.de) Aber so schnell wird es mit der Wiesn nicht zu Ende sein.

Und mit dem Wiesn-Marekting noch lange nicht.


Beitragsbild: © Sebastian Bott

Giulia Gangl

"Überladung mit überflüssigen Fremdwörtern,
ausgiebige Verwendung von Modewörtern.
Die grauenhafte Unsitte, sich mit Klammern (als könnte mans vor Einfällen gar nicht aushalten) und Gedankenstrichen dauernd selber - bevor es ein anderer tut - zu unterbrechen, und so (beiläufig) andere Leute zu kopieren und dem Leser - mag er sich doch daran gewöhnen! - die größte Qual zu breiten.
Aufplustern der einfachsten Gedanken zu einer wunderkindhaften und verquollenen Form."
(Kurt Tucholsky)

Ups.
Giulia Gangl
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