Ronja Lotz Mucbook
Aktuell, Leben, Münchenschau, Stadt

Zum Abschied ein paar Worte von einer, die eigentlich nur granteln will

Wie lange braucht man um in einer Stadt anzukommen? Über 10 Jahre sind es jetzt bei uns beiden, München. Aber wir beide hatten es immer schwer.

So dolce vita:

Schön bist du schon, das muss man sagen. Mit all den herrlichen Prachtbauten und -bäuchen alternder Herren.

Egal ob auf dem Max-Joseph-Platz oder vor der Feldherrnhalle: manchmal, in ganz besonders lauen Sommernächten, kommt ein Gefühl auf, das man wohl als Glück beschreiben könnte. Weil man etwas erhascht, was München sein könnte: groß, weit, offen.
Wenn man sich dann aber noch ein Glaserl irgendwo draußen gönnen möchte, sieht’s schlecht aus: „Sorry, die Terrasse hat schon zu“ – den zahlreichen Anwaltsnachbarn in der Innenstadt sei Dank. Glaubst du nicht? Dann schau mal hier.

So teuer:

Wir haben zwar Tipps für dich gesammelt, wie du als StudentIn in München günstig wegkommst, aber:

Zieh zum Studium nur nach München, wenn deine Eltern blechen können. Wie sonst sollte man sich eine „Studentenwohnung“ für schlappe 900 Euro leisten – natürlich am örtlichen, gar nicht überteuerten Mietspiegel ausgerichtet? Ach was, du studierst so richtig, und kannst lediglich auf 450 Euro-Basis jobben? Tja, ganz blöd gelaufen. Sorry, aber viel Spaß in Unterschleißheim. Das Studententicket findest du im Vergleich zu anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen auch ziemlich teuer? Außerdem wunderst du dich, dass die S-Bahnen ständig ausfallen?

Zu allem Überfluss fällt dir so langsam auf, dass es bei so vielen Studierenden (2017 waren insgesamt 119.954 Studierende an den 17 öffentlichen und privaten Hochschulen eingeschrieben) in München kaum Vergünstigungen gibt, wie etwa günstigere Kinotickets? Es sagt dir hier zwar niemand, aber Augsburg, Passau oder Regensburg sind echte, lebenswerte Alternativen.

So sauber:

München, du machst dich ja schon immer sehr schick. Egal ob U-Bahnhöfe oder Straßen: den Straßenkehrern sei dank blitzt du an allen Ecken und Kanten. Wo Berliner große Augen machen („Was, eure U-Bahn wird mit einem Hochdruckreiniger gereinigt?“), hat die Münchnerin nur ein Schulterzucken übrig „Klar, warum nicht?“

Was mir allerdings schon auffällt: in Schwabing wird häufiger sauber gemacht als in Sendling. Ob die Menschen dort vielleicht nicht die gleichen Steuern zahlen?

So grün:

Egal ob Isar, Schyrenbad oder der nördliche Teil des Englischen Gartens: München ist wahnsinnig grün und schön. Nur blöd, wenn man vor lauter Menschen den Eisbach gar nicht mehr sieht und keinen Platz mehr im Lieblingsrestaurant bekommt, wenn man nicht zwei Wochen vorher reserviert hat. 

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#vater #sohn #schyrenbad

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So gut behütet:

Wo bei anderen deutschen Städten die Grafik zur Einbruchsstatistik dunkelblau leuchtet (Düsseldorf, Köln, Berlin) sieht man in München nur Hellblau (Quelle: Spiegel). Ob das wohl mit dem neuen Polizeiaufgabengesetz zu tun hat, oder mit der teilweise völlig übertriebenen Präsenz von Polizisten, wie etwa bei der – Obacht – ganz kurzen Besetzung des Schnitzelhauses im Westend? Ob das wohl die bösen linken Mächte waren? Weil Rechte, also die gibt’s hier eh nicht, dafür sorgt schon die CSU.

So viele Autos:

Wer auf dem Weg zur Arbeit mit dem Rad fährt, weiß wovon ich spreche: Lebensgefahr. Da kommt der Münchner Radentscheid gerade richtig.

Wobei ich mich schon irgendwie frage, wann die Autos endlich großflächig aus der Innenstadt verbannt werden und echte finanzielle Anreize geschaffen werden, auf Individualverkehr zu verzichten.

Und damit meine ich nicht so halbscharig nachhaltige Ideen wie diese dämlichen E-Scooter, die eh nur von Early Adoptern – also meist jungen Menschen – gefahren werden. Die dicken SUV-FahrerInnen sind da garantiert nicht darunter. Und woher kommt überhaupt der Strom für diese fancy-hippen Roller?
(Ich meine, wie viel sagt schon dieses Instagram-Bild des Anbieters?)

https://www.instagram.com/p/BvL_5uKBQwa/

Anders als beispielsweise die Elektroroller von emmy, die ausschließlich mit Ökostrom aufgeladen werden, kommt der Saft für diese depperten E-Scooter wahrscheinlich aus dem Kohlekraftwerk München Nord, das jetzt, da systemrelevant, doch nicht vorzeitig abgeschaltet wird, obwohl sich die MüncherInnen 2018 in einem Bürgerentscheid eindeutig dafür entschieden hatten.

Funktioniert also irgendwie nicht so richtig, diese heiß begehrte Verkehrswende.

Bleibt nur das umweltfreundliche Rad, auf das man sich tollkühn schwingt und so schön am Stau vorbei fährt, betrieben mit reiner Körperenergie.

So shiny hier:

Wir leben in einer fetten, wohlhabenden Münchenblase. Alles besteht aus hellem Kalkstein (u.a. Siegestor), glänzt golden (Lenbachhaus) und jeder ist wahnsinnig busy, eh klar.

München und die hier ansässigen Großkonzerne haben in letzter Zeit viel für die neuen, willigen Arbeitsbienen der Gründerszene getan. Noch mehr weltverändernde Ideen, Gründerlabors, -Garagen und weiß der Geier Startup-Events. Wirtschaftsliberalismus, Selbstausbeutung, geil, geil, geil!
Zum Thema Gründen haben wir übrigens gerade ein ganzes Magazin rausgebracht, inklusive Bullshit-Bingo. Schau mal hier.

So urig:

Verzeihung, aber ich kann sie nicht mehr sehen. Menschen, die als Zeichen ihrer Heimatverbundenheit jedes Jahr zur selben Zeit ihren Janker und ihr Dirndl aus dem Schrank kramen, nur um sich einhellig zwei Wochen lang die Kante zu geben. Bei den Bierpreisen, wird schon gut und gern ein Monatslohn versoffen. Gut, dass man danach eh nicht mehr viel weiß. Denn es wird kollektiv gekotzt.

So stylisch:

Und weil die grässlichen Auswüchse der modischen Monotonie (UGG-Boots zu Louis-Vuitton-Täschchen und Pelzkragenjacken) im Winter viel eher auffallen, wird es Zeit für mich.

Mich zieht es dort hin, wo es dreckiger und rotziger ist. Wo weniger Einheitsbrei gekocht wird, dafür mehr Subkultur. Es wird bestimmt nicht besser sein, aber anders.

Also: Pfiat di München, es war schön hier, aber es reicht.  

Ein dickes Danke:

Meine letzten Worte möchte hier an all die tollen Menschen richten, die in den letzten drei Jahren MUCBOOK mit ihrer Schreibe und Tatkraft bereichert haben. 
Mille grazie!


Foto: Rosi Offenbach

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