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Aus unserem Podcast: Sechs Impulse für Münchens Zukunft mit Sabine Nallinger (Stiftung 2Grad)

MUNICH NEXT LEVEL - Der Mucbook Podcast

„Umparken im Kopf“: mit diesem ziemlich eingängigen Slogan warb der Automobilhersteller Opel vor wenigen Jahren um ein neues Image. Eigentlich muss man glatt neidisch sein auf so einen griffigen Leitsatz. Denn er beschreibt metaphorisch und irgendwie auch ganz praktisch die Herausforderungen und Chancen, die uns mit der Mobilitäts- und Energiewende bevor stehen. Auch in München. Ein Titel, der deshalb auch hervorragend zu unserer neuen Podcast-Folge von MUNICH NEXT LEVEL mit Sabine Nallinger von der Stiftung 2 Grad passen würde. Hier im Artikel findest du sechs Ideen und Impulse, die wir aus dem Gespräch mit der erfahrenen Stadt- und Umweltplanerin mitnehmen.

1. Wer spricht denn hier von parken?

Los geht’s, fangen wir also gleich mal beim Parken an: Statt Umparken heißt es laut Ex-OB-Kandidatin Nallinger zukünftig nämlich eher „gar nicht mehr parken“. In ihrer Vision werden Privatfahrzeuge und die entsprechenden Stellplätze mittelfristig obsolet. „Ich glaube, dass wir Stellplätze im öffentlichen Raum nicht mehr brauchen werden“, legt sie sich recht eindeutig fest.

Möglich machen das autonomes Fahren und intelligente, dezentrale Car-Sharing-Modelle. So bleibt zudem mehr Platz für die Fußgänger, Radfahrer und Gastronomie. Die beliebten Schanigärten und die Pop-Up-Fußgängerzonen zeigen zum Beispiel, was auf ehemaligem PKW-Terrain alles möglich ist. Zum Thema Car-Sharing hat die Vorständin der „Stiftung 2 Grad – Deutsche Unternehmer für Klimaschutz“ übrigens schon 1990 ihre Diplomarbeit geschrieben.

2. (Car-)Sharing is Caring

Die autonomen Fahrzeuge, die tagsüber noch Privatpersonen befördern – etwa in Kleinbussen mit 8 bis 12 Personen – bringen uns dann nachts unsere Post und Pakete an wohnungsnahe Paketstationen und regeln den gewerblichen Warenverkehr. Möglich ist das auch, weil E-Fahrzeuge deutlich leiser sein werden. Aufstehen mit Vorfreude auf ein Paket? Klingt gut.

Auch der ÖPNV kann durch autonomes und vernetztes Fahren intelligent entlastet und ergänzt werden, sodass auch kostspielige Investitionen in den konventionellen ÖPNV-Ausbau erneut zu überdenken sind. „Das wird so attraktiv sein, dass die Leute das annehmen werden.“, glaubt Nallinger zum Car-Sharing. Allgemein könnte die gesamte Anzahl der motorisierten (E-)Fahrzeuge in der Stadt durch die effiziente und vielfältige Nutzung in Sharing-Modellen deutlich verringert werden. Was eben mehr nutzbaren Raum in der engen Stadt schafft.

Eine optimistische Hoffnung: Bisher führen Car-Sharing-Angebote noch nicht zu weniger PKW-Zulassungen. Gerade die als besonders umweltschädlich geltenden und platzfressenden SUVs erfreuen sich größerer Beliebtheit als je zuvor (Quelle). Entscheidend könnte also sein, wie attraktiv, niedrigschwellig und kostengünstig die (autonomen) Fahrangebote zukünftig im Vergleich wirklich sind.

3. Chillen am Isarflussbad

Seit einigen Jahren ist es bereits im Gespräch und von vielen herbeigesehnt: Das Isarflussbad. Neuigkeiten können wir leider keine vermelden, aber wir erinnern nochmal an die Initiative, die bereits im Stadtrat diskutiert wurde und auch vom eigens gegründeten „Isarlust e.V.“ vorangetrieben wird:

Sabine Nallinger ist sich jedenfalls in ihrer Vision für München 2030 sicher (immer unsere Eingangsfrage im Podcast), dass das dann geklappt haben wird. Gut Ding will ja manchmal auch Weile haben… Und bis dahin träumen wir in den Freibädern vom Isarflussbad.

4. Sonnenschein statt Kohle

„Die Städte dürfen nicht nur auf’s Land setzen, sondern sollten auch ihre Hausaufgaben machen“, fordert Nallinger zum Thema Energiewende und Energienahversorgung. Die richtige Devise sei also „fossile Energien abschalten, Städte anschalten“. Vor allem raus aus der Kohle! Best Case-Szenario: Wenn wir alle Dächer mit PV-Anlagen bestücken haben wir im Sommer schon zu Mittag unseren benötigten Strom selbst und nachhaltig erzeugt.

Bereits 2009 hat sie deshalb mit Ex-OB Christian Ude zusammen die „Solarinitiative München“ (kurz: SIM) gestartet. Passiert ist seither leider zu wenig. Gerade weil Fehlinformationen kursieren und Bauherren sich oft von ihren Zweifeln leiten lassen, wird noch zu wenig auf diese eigentlich so sinnvolle Technologie gesetzt. „Das wir noch so wenige Solaranlagen auf den Dächern haben, finde ich erschreckend“, resümiert sie die Status Quo.

Dabei ist Strom vom Dach schon innerhalb kurzer Zeit energetisch sinnvoll (sprich die Solaranlagen „amortisieren“ sich unter nachhaltigen Gesichtspunkten sehr schnell) und zudem eine kostengünstige Quelle der Stromerzeugung. Strom könne so in München für 3-4 Cent pro Kilowattstunde erzeugt werden, erzählt sie uns: „Wir wissen, dass sich Solarzellen innerhalb kürzester Zeit energetisch amortisieren. Wir wissen, dass Solarstrom mittlerweile der günstigste Strom ist.“

Gerade in den warmen Monaten könnte sich die Stadt bei weiter Verbreitung der Technik so im Grunde komplett selbst versorgen. München profitiert hier eigentlich von seiner südlichen Lage: So strahlt die Sonne durchschnittlich 1800 Stunden pro Jahr mit einer Energiepotenz von ca. 1100 kWh/m² (Quelle).

5. Mehr verkehrsberuhigte Zonen & Fahrradstraßen

Die Sommerstraßen machen es vor: Durch mutige, neue Verkehrskonzepte kann Lebensraum im Stadtgebiet neu entdeckt und gewonnen werden. In diesen verkehrsberuhigten Zonen haben die Fußgänger „Vorfahrt“ gegenüber Automobilen und Fahrradfahrern, die zum Schritttempo gehalten sind. Gestaltungselemente wie Hochbeete, Spielplätze oder Palmen erzeugen das Flair für entspanntes Flanieren.

Die üblichen Gegenargumente: Schlecht für den Einzelhandel vor Ort und gehbehinderte Personen werden auf ihrem Weg zum Arzt etc. gehindert. In München stoßen auch Fahrradstraßen immer wieder auf vehemente Kritik bei Gegnern. Als Verkehrsplanerin gibt Nallinger zu bedenken, dass gerade der Radverkehr immens wächst – Innovationen wie die Pedelecs (siehe Punkt 6) werden das Fahren auf zwei Rädern in Zukunft zudem noch attraktiver machen. Unter den Geschäftsleuten in München beobachtet sie deshalb auch einen Lernprozess und steigende Akzeptanz. Die Politik kann hier mit Anreizen und Sonderregelungen Augenmaß beweisen. Etwa beim Warenverkehr, für den durch E-Mobilität (geringerer Lärm) und digitale Lösungen in Zukunft auch verlängerte Lieferzeiten denkbar werden. Statistiken zeigen ihrer Aussage nach ebenso, dass die Umsätze keineswegs zurück gehen, wenn eine Straße für den Autoverkehr gesperrt oder eingeschränkt wird. Verkehrsberuhigte Straßen? Klingt ja eigentlich fast wie Einkaufspassage. Eben.

Von den Städten fordert sie also, Straßen zu finden. Wo die Verkehrsberuhigung dann wirklich Sinn macht, ist indes aber nochmal ein anderer Fall (unser Autor Thomas meldet da zum Beispiel in einigen aktuellen Fällen seine Zweifel an). Ob da nicht noch mehr geht, fragt sich deshalb auch das Kollektiv ‚Referat für Stadtverbesserung‘. Kurzer Querverweis an der Stelle: Am 23.8. findet deren Aktion „100 Meter Zukunft“ in der Schwanthalerstraße (im Abschnitt von der Hermann-Lingg-Straße bis zur St. Paul-Straße) statt, wo genau diese Themen diskutiert und im Rahmen einer interaktiven und interventionistischen Zukunftsvorstellung erlebbar gemacht werden. (Hier unser Artikel dazu.)

6. Wir fahren auf Pedelecs

Schon mal von Pedelecs gehört? Was ein bisschen klingt wie ein Cadillac, ist tatsächlich sowas wie das schnellste Pferd auf den Fahrradstraßen. Gemeint sind damit im Grunde E-Bikes – der vielleicht gebräuchlichere Begriff – die durch automatischen Antrieb nur dann unterstützen, wenn der oder die Fahrer*in auch in die Pedale tritt. „Ich glaube, dass das Pedelec noch eine ganz ganz große Verbreitung finden wird.“, so die Einschätzung von Nallinger.

Tatsächlich steigt der Marktanteil von Pedelecs rasant: Jedes vierte verkaufte Fahrrad war 2019 ein E-Bike respektive Pedelec. Vor allem beim Pendeln in der Stadt erweist sich dieses Vehikel oft als schnellstes Fortbewegungsmittel – das ergeben etwa Tests in Wien (Quelle). Auch Pakete werden längst auf Lasten-E-Bikes ausgefahren (UPS macht das zum Beispiel schon ganz gern.).


Die ganze Folge hier zum Nachhören:

Hier geht’s zu Spotify und Apple Podcasts.


Bild: © Sabine Nallinger/PR

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